Mit dem Kopf durch die Wand

eine Theaterkritik zu René Polleschs "Schmeiß dein Ego weg!"

von Sabrina Thron 

 

03.02.2011 Volksbühne, Berlin 

 

In lässiger Atmosphäre nimmt man seinen Platz in der Volksbühne ein und meint zunächst eineroptischen Illusion zu erliegen – war die Bühne eigentlich nicht viel größer? Tatsächlich blickt manhier nicht auf die nächste Sparmaßnahme, sondern auf das Bühnenbild von Bert Neumann. Für dasneue Stück von René Pollesch, Schmeiß Dein Ego weg!, hat der die sprichwörtliche vierte Wand des Theaters wieder aufgebaut. Diese setzt sich nahtlos an den übrigen Wänden fort, ist ebenfalls mit Holzpaneelen verkleidet und dient zudem als Projektionsfläche. Denn die eigentliche Bühne findet sich im Inneren hinter der Wand, mit Hilfe von Videokameras werden Live-Bilder in denZuschauerraum projiziert. Erst als Dr. Jacques Duval, gespielt von TV-Kommissar Martin Wuttke,aus einem 200-jährigen Tiefschlaf aufgetaut wird, erhält die Wand erste Risse. Denn nicht nur diepreußische Paradeuniform des Doktors ist anachronistisch, sondern auch seine Sichtweise. Für FrauLuna und Miss Peterson, die beiden Damen, die den eingemauerten Salon bewohnen, ist die vierteWand längst eine Selbstverständlichkeit. In einer Zeit, in der Nikotin und Fett alslebensverlängernde Wundermittel entdeckt wurden, spielen auch Schauspieler nicht mehr für einPublikum. Duval schließlich tritt erst eine, dann zwei Paneelen aus der Wand und bricht damit nichtnur für die Zuschauer in der Volksbühne zwei Sichtfenster auf, sondern auch für die Damen.Sogleich macht sich Miss Peterson, gespielt von Christine Groß, daran, das üppige Kaffeegedeckmit Sahnetorte und die altmodisch anmutenden Sitzmöbel nach draußen zu bringen. Fast inSlapstick-Manier wechselt der Doktor zwischen den beiden Ebenen Innen und Außen und sprichtdabei immer eindringlicher auf die Damen ein: »Das Außen ist die Seele und du siehst sie nicht –du dumme Sau!«Denn nicht nur um das räumliche Innen und Außen, sondern auch um das metaphorische, denKörper und die Seele, geht es in Schmeiß Dein Ego weg! Mit vollem Einsatz des erstgenannten,nämlich des Körpers, versucht Duval die Damen davon zu überzeugen, dass Außen, das Physische,das einzige ist, das zählt. Mit fahrigen Gesten, aufbrausendem Gemüt und den immer selbenWahlsprüchen versucht er, abwechselnd auf die beinahe resigniert wirkende Frau Luna, gespielt vonMargit Carstensen, und die jüngere Miss Peterson einzuwirken. Das Ergebnis: Ein Tadel, weil er so»zappelt« und eine Zigarette zur Beruhigung der Nerven. In einer fast schon melancholischwirkenden Sequenz sieht man – dank der Videoprojektion, denn die vierte Wand steht zu großenTeilen ja immer noch – schließlich den ersten Auftritt des bislang stumm gebliebenen Chors. Infuturistischen weißen Ganzkörperanzügen sieht man acht Figuren, die schließlich mit ihren Köpernund mit Hilfe von LED-Lampen und Videotechnik das Wort »love« bilden. Als Musikuntermalungläuft das Lied »Er sagt« der Band 1000 Robota. Auch für den Titel des Theaterstücks zitiertePollesch aus den Texten der Hamburger Band. Moderne Popkultur und neueste Technik – doch alsKernaussage weiterhin die Liebe?Tatsächlich bleiben die Verhältnisse zwischen dem Dreiergespann zunächst einmal ungeklärt,ebenso wie die Frage, wie oder warum der Doktor nun nach 200 Jahren aus seinem Tiefschlafgeholt worden ist. Im Mittelpunkt steht der Disput um das Verhältnis von Körper und Seele, in densich nun auch der Chor einmischt. In perfekter Synchronität bewegen sich die acht Körper wie einCharakter und sprechen ebenfalls wie aus einem Munde. In aggressivem Staccato prasseln die meistsloganartig verpackten Äußerungen auf Duval, seine Damen und das Publikum nieder. Der Chorsoll, so wird fast beiläufig erwähnt, das neue Gewissen, quasi die Seele 2.0, von Miss Peterson sein.Am Beispiel des Geldscheins wird verdeutlicht, dass man mit dem Schein Papier in denHänden hält und dieses fassen kann. Immaterielle Dinge wie die Kaufkraft und der Wert steckenkeineswegs in dem Schein. Der Titel ist Programm, das Ego soll weg, die Seele ist der Körper. Wieschon in einigen seiner anderen Stücke setzt sich Pollesch hier auch mit den philosophischenÜberlegungen von Jean-Luc Nancy auseinander: »Der Körper ist das Außen überhaupt: das„Außen“ als Innen.«. Als Anwältin für die Existenz der inneren Seele kann sich die müdeerscheinende Frau Luna nicht gegen den lautstarken Chor und den zappelnden Doktor behaupten.Nach einer Stunde Spielzeit dann ist die vierte Wand schon längst aufgebrochen, die Beziehungenzwischen Seele und Körper und auch die zwischen den Charakteren kommen aber zu keinem klarenEnde. Der letzte Auftritt gehört dann doch Frau Luna, die über die anscheinend längst vergangeneLiebesbeziehung zu Duval sinniert. Doch nur philosophisch angehauchte Szenen einer Ehe? Sorichtig nachvollziehen kann man die Gedankengänge als Zuschauer nicht, doch zumindest dierührselige Darbietung von Margit Carstensen vermittelt eine melancholisch-nachdenklicheStimmung nach dem vorangegangenen witzigen Schlagabtausch. Schon im Programmtext wirdproklamiert, dass keine Meinungen dargestellt werden sollen: »Es muss doch ein Tor geben heraus!Aus der Meinung heraus! Also das Gegenteil von Meinungsfreiheit.« So bleibt der Zuschauer dannnach 60 Minuten auch mit reichlich Input aber ohne wirklich klare Botschaft zurück und sehnt sichstückweit doch wieder nach der Beantwortung der leidigen Frage: »Was will uns der Autor damitsagen?« Die Schauspielleistungen von Martin Wuttke, der sich zuletzt als Tatort-Kommissar undHitler-Darsteller im Quentin Tarantino-Film Inglorious Basterds auf filmische Abwege begab, undvon Margit Carstensen, sowie der geschickte Einsatz des Requisits der vierten Wand und derMedien machen Schmeiß Dein Ego weg! dennoch zu einem unterhaltsamen, wenngleich auch nichtabendfüllenden Theaterstück. 

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Kommentare: 1
  • #1

    Best Juicer (Mittwoch, 10 April 2013 21:12)

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