Opfer-Lobbyismus verdrängt mahnende Erinnerung

Ein Kommentar

von Hanna Sturm

 

Zwei junge Männer in Jeans und T-Shirts. Ringsherum Gras und Bäume. Ein inniger Kuss. Dieses Bild Szene evoziert Konnotationen wie Sommer, Verliebtsein oder Glück und soll doch an etwas ganz anderes erinnern: In Dauerschleife flimmert die Szene über einen in einer Granit-Stehle eingelassenen Bildschirm und soll an die im Dritten Reich verfolgten, gefolterten und getöteten Schulen erinnern. Innerhalb kürzester Zeit hat es sich zu einem der meist diskutierten Küsse entwickelt.

 

Dabei drehen sich um das Schwulen-Mahnmal gleich zwei Debatten: Für viele Kritiker ist seine Existenz Beweis für die schon seit Planung des Homocaust-Mahnmals befürchtete Inflation der Denkmäler in Berlin. So warnte der Spiegel etwa vor einem „von steinernen Schuldbekenntnissen“[1] zu gepflasterten Regierungsviertel.

 

Um die künstlerische Ausführung geht es bei einer anderen Debatte. Emma-Chefin Alice Schwarzer kreidete als erstes an, dass bei der Film küssende Männer zeigt und den homosexuellen Frauen nicht gedacht werde. Das Denkmal sei „ein Ghetto des Kitsches männlicher Homosexualität“[2] giftete Schwarzer gegen den Entwurf des schwedischen Künstlerpaares.

 

Den Kritikern gegenüber stehen die Mahnmal-Verteidiger, hauptsächlich Vertreter verschiedener Opfergruppen. Sie befinden sich ein einem perversen Wettstreit: Wer hat mehr Opfer vorzuweisen?

 

So beginnen die Vertreter der einzelnen Opfer-Gruppen – Schwule, Lesben, Sinti und Roma, Befehlsverweigerer und Dissidenten – ihre Toten gegeneinander aufzurechnen, um ihren Anspruch auf ein eigenes Denkmal im näheren Umfeld zum Holocaust-Mahnmal zu rechtfertigen. Homosexuelle Männer sind noch bis in die siebziger Jahre hinein für ihre Neigung rechtlich belangt worden, der von den Nazis verschärfte Paragraph 175 wurde erst 1994 gänzlich aufgehoben. Also addiert die Schwulen-Lobby die Zahl der in der BRD verhafteten Schwulen auf die im dritten Reich eingesperrten und geht so siegreich aus der ersten Runde in diesem Opfer-Quartett hervor.

 

Nur um in der zweiten Runde gegen die Feministinnen und Frauenrechtlerinnen das schwächere Blatt in der Hand zu halten. Nach fuchsigen Artikeln und einer Unterschriften-Aktion in der Emma einigt man sich auf einen Kompromiss: Ab jetzt küssen sich abwechselnd ein schwules und ein lesbisches Paar in dem tonnenschweren Steinkubus. Frauen seien zwar nicht wegen ihrer Homosexualität von den Nazis verfolgt worden, aber Lesben seien in Konzentrationslagern als solche identifiziert und gebrandmarkt worden. Nicht selten ging mit einer Markierung als „Lesbe“ mit dem aufgenähten pinken Dreieck Vergewaltigungen durch die Wärter einher, die meinten, die Frauen so von ihren ‚perversen’ Neigungen kurieren zu können.[3]

 

Auch wenn niemand die Qualen dieser Frauen schmälern möchte, wundert es doch, dass niemand, der diese Debatte führt, auffällt, wie sie mit dem Leiden hausieren gehen. Diesen Opfer-Lobbyismus gewinnt derjenige, der sich am meisten Gehör verschaffen kann. Was untergeht in diesem lautstarken Opferzahlen-Vergleichen ist die eigentliche Grundidee eines jeden Mahnmals: Sich das Grauen der Vergangenheit bewusst machen und es so nicht noch einmal Gegenwart werden lassen. Mit der Entwicklung hin zu getrennten Gedenkstätten – für jede Opfergruppe eine eigene – greift die Erinnerung auf verdrehte Weise die bestialische Kategorisierung und damit auch auf die Bewertung menschlichen Lebens zurück.



[1] „Eins an jeder Ecke.“ Spiegel, Nr. 26, 1995, S. 42-44, hier S. 42.

[2] Alice Schwarzer: „Im Ghetto des Kitsches.“ Emma, Januar 2007.

[3] Vgl. Chantal Louis: „Lesben unter dem Hakenkreuz“. Emma, Januar/Februar 2007.

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