Erinnerungsbuch eines Berlinreisenden

Von Tobias Steinfeld

 

Dienstag, 1.2.2011

Ich packe meinen Koffer und nehme mit: Meine Erinnerungsmütze, meinen Erinnerungsbleistift und meine Erinnerungszahnbürste. 

Meine Erinnerungsjogginghose habe ich bereits an, darunter meine lange Erinnerungsunterhose. Es ist die Erfahrung, welche mich erkennen lässt und diese beiden in den Zug schickt, in den Kampf gegen Klimaanlage und eventuelle Enge, um für Wärme und Gemütlichkeit einzustehen. Sie gewinnen.

Im Wagen 23 sitzen vereinzelt Menschen. Die Anzeigen über den Sitzen verraten unsere Reservierung: Essen  Berlin. „Würden Sie bitte aufstehen? Ich habe reserviert. Dankeschön!“ Oder noch besser: „Das ist mein Platz!“ Das Erlebnis ist prägend für die Zukunft, nichts wird mehr sein, wie es mal war, lassen sich die Menschen in Deutschland doch grob in zwei Gruppen unterteilen: Sitzplatz-Reservierer und Ewig-Vertriebene. Das Gefühl ist heroisch. Diesen Augenblick wird uns keiner nehmen. Keiner. 

Der ICE lässt Essen hinter sich. Köln, Düsseldorf und Duisburg sind längst Geschichte. Bochum, Dortmund, Hamm, Bielefeld, Hannover und Wolfsburg müssen erst noch dazu werden. Wobei Bielefeld ausgeklammert werden kann, da es das ja nicht gibt. Wir gehen ins Bordrestaurant, ein paar Erinnerungsbiere kippen. Für einige absolutes Neuland  ein Ort, den sie aus Büchern kennen, nicht aus Zügen und es ist tatsächlich ein Ort, der sich für Bücher bestens eignet, da er so anders ist; weil das Interieur beschrieben werden will, das Setting sekündlich wechselt, weil die Menschen schon Figuren sind und gar nicht erst überführt werden müssen. Man kann also bei einem Glas Rotwein auf der Couch vor dem Kamin im Bordrestaurant sein oder mit einem Glas Bier an einem gedecktenTisch mitten im Hauptbahnhof Bielefeld im Bordrestaurant im Bordrestaurant sein. Wir sind letzteres. Obwohl das ja eigentlich gar nicht geht. Wegen Bielefeld. 

Am Tisch hinter uns sitzen zwei Männer, die  man kann es nicht anders sagen  fett sind. Geschäftsführertypen um die 60. Sie tragen Anzüge, wenige Haare auf dem Kopf, auswuchernde Kröpfe bereichern die Kinns; klobige Uhren, klobige Finger, klobige Nasen. Sie trinken Sekte und erzählen sich gegenseitig, dass diese belebend wirken. Sie sprechen über Whiskey, über Politik. Wenn es mal zum Schweigen kommt, beginnt einer einen Witz: „Treffen sich ein Deutscher, ein Amerikaner und ein…” Sind die Gläser leer, fragt der andere: „Wolllnwer noch ein nehm?”, oder nimmt die Antwort direkt vorweg. „Nehmwer noch ein!” Dann kommt die Figur des Bordrestaurant-Chefs: Ende 20, blond gefärbt, cyan-farbenes Piercing an der gezupften Braue, Berliner-Schnauze. Das ist die natürliche Stereotypie der Lebenswelt. Und das steht hier schwarz auf weiß.

Am Abend: Nach ein paar Erinnerungsbieren zu viel verirren sich 3 bis 5 ExkursionsteilnehmerInnen ins nahe gelegene Stahlrohr 2.0. Das ist ein Darkroom. Dresscode: Oberkörper frei. Der Türsteher verweigert den Eintritt, da Frauen dabei sind. Men only. Ich vermute, dieser Abend wäre für immer in Erinnerung geblieben. Mit Bildern in den schillerndsten Farben und das, obwohl es da so dark ist, dass man den nackten Oberkörper vor Augen nicht sieht. 

 

Mittwoch 2.2.2011

Zum Frühstück gibt es Erinnerungseier. Hilft aber nicht; was in der letzten Nacht noch so passiert ist, bleibt in der letzten Nacht.

Wir gehen ins Bauhaus-Archiv. Schon wieder Stahlrohr, diesmal als Material für den berüchtigten Bauhaus-Stuhl.

Nächste Station: Alles in Bewegung. Alles laut. Doppeldeckerbusse durchqueren ihr Revier, sind auf City-Tour. LKW ziehen Bauwagen und Dixieklos hinter sich her. Das Donnern von Baggerschaufeln mischt sich in den Verkehrslärm. Ein Fahrradkurier in Hightech-Montur pest vorbei, brüllt: „Halt die Fresse du Wichser!” Vielleicht in sein Headset, vielleicht einem mosernden Autofahrer zu. Vielleicht ist er aber auch einfach Bass Sultan Hengzt. Hier ist Berlin Mitte, ein Ort, an dem keiner in den Rückspiegel schaut, an dem alles auf Zukunft gestellt ist. Und genau hier steht auch das Holocaust Mahnmal. 2711 Beton-Quader sollen an die sechs Millionen ermordeten Juden erinnern. Zwischen den Betonklötzen schwinden Lärm und Hektik. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verschmelzen.

Auf der Oberfläche der Betonstelen hat sich eine dünne Eisschicht gebildet. Liebespaare funktionieren das Mahn- in ein Denkmal um, haben mit den Fingern ihre Namen im Eis verewigt, mindestens so lange, bis es schmilzt. 

Auf dem Weg zum Jüdischen Museum kommen wir an einem Dönerladen vorbei, dessen Schaufensterbeschriftung mit „Forelle und weiteren köstlichen Fischsorten” wirbt. Da das Mittagessen ausfällt, muss die Bestellung Phantasie bleiben. Sie steht hier aber trotzdem: 

“Einen Döner, bitte!”

“Kalb, Hähnchen, Forelle, Zander oder Karpfen?”

“Habt ihr auch Aal?”

“Aal? Willst du mich verarschen oder was? Ali, der will mich verarschen!”

“Wer hat denn angefangen?”

Im Jüdischen Museum steht ein Holocaust-Turm. Der ist von anderer Qualität als das Mal in der Stadtmitte. Dunkel und peinigend eng. Hier würde sich wohl kein Pärchen verewigen wollen, wobei man nie wissen kann, was in den Köpfen der Menschen vorgeht: 

So durchzuckt den ein oder anderen der gescheiterten Besucher des Stahlrohr 2.0  der Geistesblitz, sich obenrum nackig zu machen, um das Nicht-Erleben von letzter Nacht nachzuholen. Die Hemmschwelle scheint jedoch zu hoch. 

 

Donnerstag, 3.2.2011

Nach dem Frühstück fahren wir mit der Bahn bis Oranienburger Tor und treffen uns vor der Brecht-Weigel-Gedenkstätte. Ein Erinnerungsort ganz nach meinem Geschmack: klein, gut beheizt, gemütlich. Ein Blick in Brechts privates Ambiente in Form seines Schlafzimmers  da kommt der Voyeur ganz auf seine Kosten. Am Haken an der Wand hängen Bertolts Schiebermütze und Spazierstock. Das ist sympathisch. Die durch die Räumlichkeiten führende Dame bekommt glänzende Augen, erzählt sie von Brechts Visionen. Ihr läuft das Wasser im Munde zusammen, spricht sie über Brechts Umgang mit Helene Weigel. „Mit Blumen am Revers hat er ihr den Hof gemacht.” Gierig funkelt sie die Männer in der Runde an, sich an Brecht ein gutes Beispiel zu nehmen. „Der war ein echter Gentleman.”

Wir gehen auf den Dorotheenstädtischen Friedhof nebenan. Von seinem Arbeitszimmer aus hatte Brecht zur Inspiration immer auf das Grab Hegels geschaut, erzählte uns die verhinderte, da zu spät geborene, Muse Brechts eben noch.

Wir werden bedrängt, mucksmäuschenstill zu sein und uns nicht zu bewegen. Nicht, um die ewige Ruhe Fichtes, Brechts, Hegels und Co. aufrecht zu erhalten, sondern um die Dreharbeiten von ein paar Touristen nicht zu stören, die sich gerade ‘Berlin to go’ organisieren; in bewegten Bildern, in Farbe und das beste: immer live. Das ist ganz nah an der Realität. Oh Augenblick, verweile doch! Du bist so schön!

Wir laufen zum Brecht-Denkmal. Der Wind kommt immer aus der falschen Richtung, scheucht mir den Nieselregen ins Gesicht. Es ist arschkalt. Ich habe die lange Erinnerungsunterhose heute Morgen weggelassen, weil ich es aus unerfindlichen Gründen einfach nicht geschafft habe, mich in die Zukunft zu versetzen; raus, hier in die rauen Wogen an der Weidendammer Brücke. Morgen wird mir ein solcher Fauxpas nicht noch einmal passieren. Es war wohl wieder einmal Zeit für einen Funken Erfahrung. 

Auch wenn es im Augenblick unangenehm ist, so fühle ich mich dennoch stark und gerüstet für die Zukunft. Morgen früh werde ich es schaffen. Ich werde mich an die augenblickliche Kälte erinnern und dementsprechend handeln: Lange Erinnerungsunterhose. 

Bert Brecht sitzt unschuldig, die Hände im Schoß, auf einer Bank am Berliner Ensemble. Hinter ihm eine Baustelle, aus der ein violetter Betonmischer herausragt. Die Expertengruppe referiert über „Brecht und die Frauen“. Da in unmittelbarer Nähe gerade Beton gemischt wird, können wir nicht verstehen, dass Brecht untreu war, einen Haufen Kinder mit einem Haufen Frauen hatte, eine davon gar in den Wahnsinn trieb. Der Lila-Phallus verschleiert akustisch Brechts dunkle Seite. 

Wir haben also nichts dazu gelernt und halten uns weiterhin an die Anweisungen der aktuellen Dame im Hause Brecht, die mutmaßlich gerade Mittagspause hat und es sich in seinem Schaukel-Stuhl mit einer Havanna bequem gemacht hat und in Erinnerungen schwelgt, welche im Bereich der Phantasie einzuordnen sind. Auch das wäre ein bisschen wahnsinnig.

Nachmittags gehen wir ins Pergamon-Museum.

Auf den Marmorstufen des Pergamonaltars hockt eine Schulklasse samt Lehrer.

In meiner Schulzeit waren wir auch mal in Berlin. Mein damaliges Shampoo hieß Schauma-Apfel. Der Geruch wird mich für alle Ewigkeit an Berlin erinnern. Das ist allerdings ein Berlin, das mit dem jetzigen nichts zu tun hat. Das Erinnerungs-Berlin ist das, in dem wir den Mädchen zwei Mark geben, damit sie unsere Betten beziehen. Wir rauchen heimlich Kippen am Kanal und sind ansonsten damit beschäftigt, die Feinkostabteilung des KDW zu durchforsten, in der Hoffnung Froschschenkel zu finden, die wir dann nicht kaufen.

Die Gegenwart sieht anders aus. Nicht zuletzt deshalb, weil in der Dusche unseres Hostel-Zimmers, ein anderes Shampoo steht: Alpecin. In der Tat.

In der Gegenwart führen wir uns rekonstruierte Altarfriese zu Gemüte, um uns zu vergegenwärtigen, dass Peter Weiss’ Lebenswerk, der Roman Die Ästhetik des Widerstands, an genau dieser Stelle beginnt. Sein Werk beschreibt die Zeit während des Ersten Weltkrieges; Weiss schrieb erst viel später, um sich von den subjektiven Eindrücken zu befreien und aus einer gegenwärtigen Perspektive das aufzuzeichnen, was er früher nicht sah.

So hat jeder sein Steckenpferd. Ich persönlich zeichne lieber aus einer gegenwärtigen Perspektive das auf, was ich gegenwärtig sehe. Das bringt aber auch einige Schwierigkeiten mit sich. 

Die Schulklasse und der Lehrer sind jetzt weg. Hier auf der Marmortreppe gibt es sie nicht mehr. Ein ähnlicher Fall, wie das nicht existierende Bielefeld  soweit mein subjektiver Eindruck, von dem ich mich gegenwärtig nicht befreien kann. 

Wir machen für heute auch Schluss mit dem Programm, die Schulglocke hat sozusagen gebimmelt und wir sind entlassen und können jetzt machen, was wir wollen. Wir sind in Berlin, am Puls der Zeit; ob Theater, Dark Room oder einfach nur Bier: Alles kann, nichts muss!

 

Freitag, 4.2.2011

Letzte Nacht gab’s noch Erinnerungsdöner, heute Morgen gibt’s ne lange Bahnfahrt auf der jemand Hanuta spendiert. Es schmeckt gut. 

Dann finden wir uns beim Deutschlandradio wieder. Ich bemerke wenig Nennenswertes, außer, dass der Mann, der die Führung macht, einen tollen Job hat. Er zeigt uns im hauseigenen Hörspielstudio so wunderbare Sachen wie die Klangschnecke oder Klangspirale, oder wie auch immer dieses großartige Gebilde heißt. Jedenfalls sind alle davon hellauf begeistert, gehen rein, reden dabei und die anderen hören dann auf, sie zu verstehen (akustisch). 

Dann empfängt uns eine Dame, die uns Rede und Antwort zur Kulturredaktion steht, in ihrem Gemach. Es gibt Säfte, Kaffee, Gebäck und für jeden ein Deutschlandradio-Set mit allem Pipapo  und Kühlschrankmagnet.

Ich erinnere mich an eine ältere Dame, die in meiner Kindheit in der Nachbarschaft wohnte. Wir besuchten sie jeden Nachmittag, um uns Kekse schenken zu lassen. Sie freute sich immer sehr, füllte unsere Gläser mit Milch und winkte uns beim Abschied aus der Haustür nach. Eines Tages war aber alles anders. Sie hörte einfach nicht auf, uns Milch nachzuschenken. Wir trauten uns nicht, etwas zu sagen, als wir aufs Klo mussten und auch nicht, dass wir gehen wollten. Draußen wurde es dunkel und wir saßen nur noch schweigend an ihrem Küchentisch und hatten mittlerweile ziemliche Angst. Immerhin hatte sie das Licht angeschaltet. Irgendwann klingelte dann ihr Telefon und während sie zum Hörer ging, schauten wir Kinder uns entschlossen in die Augen und rannten nach Hause, ohne uns umzusehen. Wir haben sie nie wieder besucht. 

Der Besuch in der Kulturredaktion ist zu Ende und wir gehen in eine Pizzeria, in der der Kellner mit der Pfeffermühle hantiert, wie der Stahlrohr 2.0-Türsteher mit einem Stahlrohr und finden uns nun im Museum der unerhörten Dinge ein. 

Hierzu nur eine Anekdote: Der Museumsdirektor darf die Räumlichkeiten seines Museums nicht kaufen, da es sich hierbei laut irgendeinem Gesetz um eine Durchfahrt handelt. Würde ihm diese Durchfahrt gehören, könnte er theoretisch Geld dafür verlangen, wenn jemand diese passieren will. Das möchten die Hüter des Gesetzes mit aller Macht vermeiden und erlauben daher nur die Miete. Alle finden diese Paragraphenreiterei lächerlich. Ich könnte jetzt recherchieren, ob seine Erklärung überhaupt der Wahrheit entspricht, aber ich habe mal eine weise Stammtischphrase aufgeschnappt: „Stelle niemals die Wahrheit in den Weg einer guten Geschichte.” Und dies ist ein Ort, an dem es vor guten Geschichten nur so wimmelt. Außerdem habe ich gar kein Smart-Phone und andere Wege zur Wahrheit wären viel zu beschwerlich. 

Es ist 16.30 Uhr und das Berlin-Programm ist an dieser Stelle offiziell beendet. Und jetzt, genau in diesem Augenblick, fällt mir überhaupt auf, dass wir ja tatsächlich in Berlin sind. Das ist ungemein befreiend. Ich entscheide mich spontan dazu, ins Hostel zurückzufahren und etwas zu schlafen.

Da heute Abend das Revier-Derby Schalke gegen Dortmund ansteht, werde ich Berlin theaterfrei verlassen müssen. Um die Hochkultur aber nicht gänzlich aus dem Blickfeld zu verlieren, entscheiden wir uns, schräg gegenüber der Brecht-Weigel-Gedenkstätte einzukehren und dort dem Spiel zu frönen. Laut der Außenwerbung handelt es sich hier um die Älteste Zapfsäule Berlins. Hier findet jeden Freitag ab 22 Uhr eine Schlagerparty statt. Das Spiel endet um 22.15 Uhr. Dann verlassen nahezu alle Gäste fluchtartig die Örtlichkeit. Lediglich wir Exkursionsteilnehmer a.D., die Wirtin und ein Paar in den besten Jahren haben uns an der Theke versammelt. Der Mann hat eine Vokuhila-Frisur, die Frau nicht. Sie trinken Rotwein und fordern die Wirtin energisch auf, die Musik noch lauter zu machen. Es läuft Howard Carpendales Hello again . Dann gibt der Vokuhila-Mann uns zu verstehen, dass wir doch besser gehen sollten. „Für Euch wird’s doch langsam auch mal Zeit. Hier ist Schlagerparty. Wir sind schon ne Viertelstunde drüber.“ Tolle Schlagerparty. Ich dachte immer, der Schlager verbindet die Menschen. Das kann Howie doch nicht wollen, dass sein emotionaler Song einen Keil zwischen sie treibt.

Wir verlassen schweren Herzens Die älteste Zapfsäule Berlins. Aus den Boxen tönt  Good bye my Love, good, bye!

Ich bemühe mich, das Gute im Menschen zu sehen und glaube zu verstehen, was den Schlagerfreund zu seinem unsozialen Verhalten getrieben hat. Er will gänzlich eintauchen in die Welt des Schlagers, in seine Jugend und unternimmt eine Reise, in die Zeit, als alles besser war: früher. Er für seinen Teil tut alles dafür: Wenn er in den Spiegel schaut, steht er dem Zeitgeist vergangener Tage persönlich gegenüber und sagt zu ihm jeden Tag aufs Neue „Hello again!” Wenn er nun ein paar Mittzwanziger vor der Nase hat, die Freitagabends nichts Besseres zu tun haben, als in einer SKY-Sportsbar abzuhängen und über die neue Methylan-Werbung mit Jürgen Klopp

zu sinnieren, dann hat er den Zeitgeist der Gegenwart vor Augen. Wie soll man da in Ruhe erinnern? Ich kann ihn verstehen. Howard Carpendale würde ihn dennoch rügen, da bin ich mir sicher. 

Ein letzter Blick rüber zur Brecht-Weigel-Gedenkstätte: Ich meine, eine Frau mit einem gierigen Funkeln in den Augen, Havanna zwischen den Zähnen und dem Nachthemd Helene Weigels durch Brechts Bibliothek huschen zu sehen. Dabei weiß ich gar nicht, wie Helene Weigels Nachthemd überhaupt aussieht. Wir ziehen von dannen. 

Morgen werden wir Berlin verlassen. „Good bye my Love, good, bye! Good bye, auf Wiedersehen!” 

 

Samstag, 5.März 2011

Ich stecke eine Hand in meine Jackentasche und meine Finger greifen etwas. Ein Hanuta. Ich habs in Berlin wohl doch nicht in den Mund gesteckt, sondern in die Tasche. Seitdem ist ein Monat vergangen. Die Verpackung ist schon aufgerissen, Flusen kleben auf der Schokolade. Es ist zum Souvenir geworden, eine Erinnerungshaselnusstafel, eine spezielle Gattung der Gedenktafel. Ich gehe zum Mülleimer. Der Berlin-Aufenthalt läuft vor meinem geistigen Auge ab. Das ist so ähnlich, wie im Film Titanic mit Leonardo di Caprio und Kate Winslet: Am Ende steht eine greise Frau mit eisblauen feuchten Augen, im Nachthemd und mit wehendem, offenen Omahaar, auf der Reling eines Schiffes und versenkt  85 Jahre nach dem Untergang der Titanic  ihr einziges Souvenir in den Tiefen des Meeres. Hierbei handelt es sich um eine Kette mit dem beeindruckenden Namen: Das Herz des Ozeans.

Ich stehe also vor dem Mülleimer und lasse das Hanuta plumpsen. Da verstehe ich plötzlich, warum die alte Titanic-Veteranin kein Problem mit der Trennung von ihrem Erinnerungsdiadem hatte. Sie hat an Celine Dion gedacht, welche den Super-Hit zum Kinospektakel beisteuerte: My heart will go on!  

Ihr Herz wird also weiterschlagen, ob ohne Kette oder nicht. Oder: Die Kette selbst wird weiterleben; irgendwo, in der Unendlichkeit der See, wobei die Kette eventuell ihr Herz symbolisieren könnte. 

Mir wird klar: Ob die Erinnerungshaselnusstafel nun in meiner Tasche, meinem Mund oder dem Mülleimer liegt, spielt keine Rolle. Denn auch für mich gilt: „My heart will go on!“ Selbst dann, wenn ich dieses Hanuta nie bekommen hätte. Dann hätte ich hier allerdings ein anderes Ende schreiben müssen. Vorausgesetzt, ich habe diesen Text  überhaupt verfasst.

Um wieder ein wenig Gewissheit in unsere Köpfe zu pressen, möchte ich dann doch nicht mit der Hanuta-Geschichte enden, sondern mit Peter Weiss:

„Was besteht denn für ein Unterschied, im Rückblick, zwischen dem Erdachten und dem direkt Erfahrenen  in beiden Fällen ist es nicht mehr greifbar, lässt sich nicht mehr kontrollieren  Reales und Erdichtetes ist als Vergangenes von gleicher Qualität!“

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Daniel S. (Dienstag, 17 Mai 2011 12:13)

    Das war gestern ein sehr unterhaltsamer Vortrag eines sehr unterhaltsamen Textes! Ich ziehe meinen Hut!

  • #2

    Deborah (Montag, 23 Mai 2011 01:11)

    Der Text ist einfach nur klasse :-)!