Walter Gropius - Wegbereiter des Bauhauses

von Katharina Sieweke

 

Als Walter Gropius im Jahre 1919 von dem Architekten und Designer Henry van de Velde die Direktion der Großherzoglich-Sächsischen Hochschule für Bildende Kunst in Weimar angeboten wurde und Gropius dort daraufhin das „Staatliche Bauhaus Weimar“ gründete, erschuf er etwas Neues. Es entstand eine funktionalistische Form von Architektur, die als moderne Bauweise des 20. Jahrhunderts in die Architekturgeschichte eingehen sollte: Das Bauhaus. Der angehende junge Architekt Gropius präsentierte die schon zuvor verwendeten Materialien Glas und Beton in erstmaligem Zusammenspiel, das als klassische Moderne bezeichnet wurde. Fast 100 Jahre später erinnern noch viele Orte weltweit an die architektonischen Innovationen des jungen Architekten, unter anderem die Bauhaus-Archive in Berlin, Weimar und Dessau. Walter Gropius wurde zum Wegbereiter des modernen Kunststils. Doch nicht immer sah es so aus, als wenn dem gebürtigen Berliner dauerhaft Erfolg für seine Kreativität beschert werden würde. In der Zeit des Nationalsozialismus war sein innovativer Baustil nicht mehr gefragt, von den Nationalsozialisten wurde er gar verachtet, sie bezeichneten die von Gropius erschaffene „Neue Sachlichkeit“ seiner Bauwerke als „Kirche des Marxismus“. Nachdem er Angriffe von den Nationalsozialisten erwartete, fühlte er sich gezwungen, Deutschland noch vor Beginn des Zweiten Weltkrieges zu verlassen. Seiner Karriere hat dies jedoch nicht geschadet, im Gegenteil: Der Sohn des deutschen Geheimen Baurates Walther Gropius und der Hugenottin Manon Scharnweber, so erklärt Reginald R. Isaacs, konnte in einem dreijährigen Aufenthalt in London gemeinsam mit dem englischen Architekten Maxwell Fry die britische Architektur nach seinen Vorstellungen gestalten, beispielsweise in Wohn- und Schulgebäuden, und seine Ideen anschließend als Architekturprofessor der Harvard University auch in den Vereinigten Staaten verbreiten. In Deutschland wäre ihm das in der Zeit des Zweiten Weltkrieges nicht gelungen. In England hingegen musste Gropius seine Pläne nicht durchweg vehement verteidigen und konnte es behutsamer und zugleich aktiver angehen, seine Ideen schweifen lassen und auch spontan erneuern. Die USA boten ihm die Möglichkeiten und den Raum, den er brauchte, um seine Praktiken zu lehren und zu erzeugen so Giulio Carlo Argan. Doch was machte den als Schüler noch zurückhaltenden Sohn liberaler Eltern – abgesehen von seinen neuartigen architektonischen Entwicklungen – zu einem derart bekannten und zugleich erfolgreichen Baumeister? Dies ist wohl vorwiegend auf sein unermesslich ehrgeiziges, willens- und durchsetzungsstarkes Verhalten zurückzuführen. Bis an sein Lebensende blieb Walter Gropius ein Workaholic. Dass er nach seiner Emeritierung bis ins hohe Alter aktiv gearbeitet hat, unterstreicht seine unermüdliche Energie, die ihm - gepaart mit Talent und dem erforderlichen Biss - den Erfolg beschert hat, der bereits in jungen Jahren begonnen hat. 1883 als drittes Kind in Berlin geboren, begann Gropius seine Karriere 1908 zunächst im Architekturbüro bei Peter Behrens, bei dem er eigene Ideen entwickelte und die industrielle Fertigungsmethode von Gebäudekomplexen kennenlernte. Doch nicht allein sein Ehrgeiz hat Gropius zu dem gemacht, der er war. Walter Adolf Georg Gropius – wie er mit vollständigem Namen hieß - war auch begünstigt im Leben: Obwohl er sein 1903 in München begonnenes Architekturstudium, dass er nach zwei Jahren an der Technischen Hochschule in Berlin Charlottenburg fortsetzte, nicht einmal absolviert, sondern kurz vor Beendigung abgebrochen hat, weil es ihn gelangweilt hat und ihm zu wenig praktisch erschien, stand seiner Karriere nichts im Weg. Erste Erfahrungen konnte er bereits in familiärer Umgebung sammeln. Als Kind einer Künstlerfamilie bot sich ihm frühzeitig die Gelegenheit, sein Können unter Beweis zu stellen. Einer seiner konservativen Onkel väterlicherseits, ebenfalls Architekt, überließ es seinem Neffen noch während dessen Studiums, Gutsgebäude in Pommern zu gestalten. Die Ersterprobung war bestanden: Das Gut, bestehend aus einer Schmiede, einem Waschhaus und einer Hofummauerung, nannte Walter Gropius später seine „Jugendsünden“, erklärt Argan. Seine Eltern, mit denen Gropius sein gesamtes Leben stark verbunden war, unterstützen seine Karriere ebenso wie seine Verwandten und Freunde. So bekam er auch nach Eröffnung des eigenen Büros Aufträge in familiärer Umgebung, mit denen er sich finanziell über Wasser halten konnte. Ehrgeizig und zielorientiert wie Gropius seit seinem Studium war, gelang es ihm, sich eigenständig seinen ersten großen Auftrag zu beschaffen. Gemeinsam mit seinem Angestellten Adolf Meyer errichtete er das Fagus-Werk, eine Schuhleistenfabrik in Alfeld an der Leine. Da er sich zu Beginn seiner Eigenständigkeit energisch um Aufträge bemühen musste und große Arbeiten ausblieben, erweiterte er seine Leistungen, indem er unter anderem Lokomotiven und Innenraumeinrichtungen wie Möbel und Tapeten gestaltete und die Keramikproduktion wieder aufleben ließ. Zur Keramikproduktion hat ihn sein einjähriger Aufenthalt in Spanien im Anschluss seines Studiums inspiriert. Sein Durchbruch gelang ihm erst 1919 dank der Übernahme der Hochschule für Bildende Kunst in Weimar und der Gründung des Bauhauses, das 1926 nach Dessau verlegt wurde. Zu den größten deutschen Arbeiten seines Lebens zählen heute das Fagus- Werk in Alfeld an der Leine, die 1914 errichtete Musterfabrik für die Ausstellung des Deutschen Werkbundes in Köln und die Wohnungsbauprojekte in Dessau-Törten und der Siemensstadt in Berlin. Seine zukunftsweisenden Pläne zur Lösung der sozialen Probleme aufgrund fehlenden Wohnraums machten ihn berühmt. Der für seine architektonischen Leistungen mehrfach ausgezeichnete Gropius – er erhielt unter anderem das „Große Verdienstkreuz mit Stern“ der Bundesrepublik Deutschland und die Ehrendoktorwürde der Technischen Hochschule Hannover und der Freien Universität Berlin – war nicht nur als Architekt erfolgreich, sondern auch als Soldat. Pflichtbewusst widmete er sich parallel zu seiner anlaufenden Karriere als Architekt seinen Aufgaben im Ersten Weltkrieg. Er wurde zum Leutnant berufen, zwei Jahre später zum Regimentsadjutanten und wurde auch für ebenso erfolgreiche Arbeit als Soldat mit diversen Auszeichnungen gewürdigt, unter anderem dem Bayerischen Militärverdienstorden IV. Klasse, der K. u. K. Militärverdienstauszeichnung III. Klasse von den Österreichern, dem Verwundetenabzeichen und dem Eisernen Kreuz Erster Klasse. Der charismatische Mittdreißiger mit schmalem Gesicht und Oberlippenbart hielt auch während der Kriegsjahre einen innigen Kontakt zu seiner Familie, insbesondere zu seiner Mutter. Nach außen durchsetzungsstark und mit klarem Ziel vor Augen, zeigte sich Gropius im Briefwechsel mit seiner Mutter oftmals von seiner zerbrechlichen Seite. Er sorgte sich um sie, tröstete sie nach dem Tod seines Bruders und verschonte sie auch während seiner Abwesenheit mit Einzelheiten seiner Kriegserlebnisse. Während der Kriegsjahre stand er dem Tod oft nahe. Im Gegensatz zu vielen seiner Kameraden hat er seine Verwundungen jedoch überlebt. Es scheint, als hätte Gropius das Glück immer auf seiner Seite gehabt. Nur sein privates Glück blieb zunächst aus: Obwohl der als attraktiv geltende Walter Gropius in Alma Mahler seine erste Geliebte fand, ließ diese sich nach drei Ehejahren von ihm scheiden. Ihre gemeinsame Tochter Manon starb schon im Alter von 19 Jahren. Auch der Tod seines Bruders hat einen Schatten über sein Privatleben gelegt. Familiäres Glück fand er indes bei seiner zweiten Ehefrau, Ise Gropius, die auch seine Arbeit unterstützte und den Lebensweg ihres Mannes bis zu seinem Tod 1969 in Boston begleitete. Seine Bestimmung fand er jedoch nie als Ehemann, sondern als förmlich auftretender Architekt. Obwohl er sich im Laufe seines Lebens als äußert teamfähig erwies, verhielt er sich seinen Kollegen gegenüber meist kühl und distanziert. Trotz vieler Ehrungen für sein Engagement und seine kreativen Ideen, wurde Gropius von vielen Menschen für seinen als standardisiert geltenden Baustil kritisiert. Doch vielleicht ist es gerade die Kritik, die ihn bekannt gemacht hat und die ebenso bezeichnend für seinen Erfolg war wie alle Ehrungen, die ihm bis an sein Lebensende zuteil wurden. Er wollte die Welt von seinen Visionen begeistern und sie als Architekt wieder verlassen. So erscheint es nicht verwunderlich, dass er sich zu seinem Tode eine Trauerfeier à la Bauhaus gewünscht hat anstatt einer Friedhofskapelle.

 

 

Literatur

1) Argan, Giulio Carlo: Gropius und das Bauhaus. Braunschweig/Wiesbaden: Friedrich Vieweg & Sohn 1983.

 

2) Isaacs, Reginald R.: Walter Gropius. Der Mensch und sein Werk. Berlin: Gebr. Mann Verlag, 90 Jahre Bauhaus: Sonderheft Kulturjournal Mittelthüringen. Jena: Dr. Bussert und Stadeler 2009.

 

3) http://cdn-storage.br.de/mir-live/podcastmigration/ audio/podcast//import/2008_05/2008_05_05_10_09_05_podcast_radiowiss en_gropius_05_a.mp3

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Kommentare: 1
  • #1

    u=6220 (Montag, 06 Mai 2013 13:18)

    This is an excellent write-up! Thank you for sharing with us!