Die Geschichte des Döners

40 Jahre Integration oder: Eine Geschichte voller Missverständnisse

von Daniel Schnaithmann

 

Die Geschichte des deutsch/türkischen Fast-Food Schlagers ist mindestens genauso umstritten wie sein Ruf zum Jahrtausendwechsel. Gammelfleisch- und BSE-Skandale, viel zu viele Dönerbuden, Preiskämpfe und Mängelware ließen Zweifel an der Qualität des „drehenden Braten“ aufkommen. Doch trotz allem gilt der Dönerkebab auch heute noch als eines der beliebtesten Fast-Food-Gerichte der Deutschen. Dass er dabei in der Form, in der er sich heute größter Beliebtheit erfreut, eigentlich ein deutsch/türkisches Co-Produkt ist, weiß kaum noch jemand. Dieser Tage feiert der Dönerkebab seinen 40sten Geburtstag, Zeit für eine Retrospektive.

 

Der Döner hat in Anatolien seit jeher eine lange Tradition, schon Mitte des 19. Jahrhunderts gibt es Aufzeichnungen über in Brotteig eingewickeltes Hammelfleisch. Die Erfindung mit dem senkrecht stehenden Spieß kam wenig später und die dazugehörigen Rezepte wurden über Generationen hinweg weitergegeben. Und so wurde der Döner viele Male neu- und wiedererfunden. Der bekannteste Urdöner ist dabei wohl der Iskendi oder Bursa Kebap aus dem späten 19. Jahrhundert, benannt nach seinem Erfinder (Iskendi bzw. dessen Heimatstadt Bursa). Der senkrechte Drehspieß, das Hammelfleisch, die Art und Weise der Anrichtung auf einer Lage Fladenbrot mit zerlassener Butter, Joghurt, Tomaten und gegrillter Paprika zog sich als Tellergericht, mehr oder weniger konsequent und konstant bis ins späte 20ste Jahrhundert hinein. Vorerst nur in Anatolien und auch dort nur in wenigen Restaurants und Imbisslokalen. So lange bis Anfang der 1970er Jahre ein in Deutschland lebender Türke den „Döner-to-go“ erfand.

 

Der Erfolg hat viele Väter. Der Misserfolg ist ein Waisenkind.

 

 

Wer sich aber offiziell als Erfinder des Dönerkebab rühmen darf, ist nicht eindeutig geklärt. Nur, dass es zwischen 1970/1973 und in Berlin geschehen sein muss, darf als einigermaßen gesichert gelten. Bis vor kurzem noch feierte sich Mehmet Aygün als „Döner-Papa“. Der kam im besagten Zeitraum als 16-jähriger nach Deutschland, um dort seinem Onkel im Imbiss zu helfen. Und um – angeblich – den Döner im Fladenbrot zu erfinden. Heute führt Aygün sechs Ladenlokale in Berlin, in denen der Döner Kebab nicht mal mehr auf der Speisekarte steht. Er selbst sagt, es sei schlecht fürs Image, wenn alle Welt denkt, die türkische Küche bestände nur aus Döner. Ein Missverständnis, an dem Aygün maßgeblich teilhat. Oder aber spielt das schlechte Gewissen eines Hochstaplers eine entscheidende Rolle? In der Zwischenzeit meldete sich nämlich Kadir Nurman zu Wort und erhebt ebenfalls Anspruch auf den Thron. Das Interessante: auch in Nurmans Geschichte spielt Mehmet Aygün eine entscheidende Rolle.

 

Kadir Nurman hatte einen Laden in der Hardenbergstraße in Berlin. Dort verkaufte er erst Süßigkeiten und später den Döner. Mehmet Aygün und sein Bruder arbeiteten in diesem Laden und nahmen wohl dort die Idee mit und verkauften sie dann als ihre eigene. Beweise dafür gibt es nicht. Fest steht nur, dass es Zeitungsausschnitte aus türkischen Zeitungen gibt, die Nurman in seiner Dönerbude zeigen – und das bevor  sich Aygün zum Erfinder des Döners ernannte.

 

Das größte Problem in der Rekonstruktion seiner Herkunft, hat der Döner aufgrund ebenjener. Der Einwanderungs- und Anwerbestop für Arbeitsmigranten, die Wirtschafts- und die Ölkrise drängten die ausländischen Gastarbeiter in die Nischengewerbe. Neben Gemüseläden und Änderungsschneidereien öffneten auch einige Imbissbuden ihr Pforten. Alle ungefähr zur selben Zeit. Wie eng die Verbindung zwischen den Betreibern ist, zeigt das Beispiel von Aygün und Nurman in Berlin. Praktisch jeder, der zu jener Zeit in Berlin eine Dönerbude eröffnete, kann behaupten den Döner erfunden zu haben. Wirkliche Zeugen und Beweise gibt es keine.

 

Dem Siegeszug des Döners tat dies keinen Abbruch. Zuerst interessierten sich nur die türkischstämmigen Gastarbeiter für den Snack aus der Heimat. Im aufkommenden Zeitalter des Fast-Food-Trends lag die to-go Variante im wahrsten Sinne des Wortes auf der Hand. Sie war günstig und machte satt. So dauerte es nur eine kurze Zeit, bis sich auch die Deutschen für den Döner interessierten. Der wurde im Laufe der Zeit immer weiter dem hiesigen Geschmack angepasst: Mit Feldsalat, Gurken, Tomaten, Weiss- und Rotkraut und verschiedenen Soßen von Curry, über Joghurt und Ketchup bis Kräuter hat das ehemalige Gastarbeitergericht heute wohl nur noch das Fleisch mit dem „Urdöner“ gemein. Und selbst das wird heute teilweise durch Hähnchen oder vegetarisch durch Falafel oder Halloumi ersetzt. Es gibt deutschlandweit mehr als 15.000 Dönerbuden und über 400 Dönerlieferanten. Mittlerweile feiert der Dönerkebab die Rückkehr zu seinen Wurzeln und avanciert durch die Organisation des Vereins türkischer Dönerhersteller in Europa (deren Sitz übrigens in Berlin-Kreuzberg liegt) zum Export-Schlager. So schließt sich dann wohl der Kreis. Im Endeffekt ist es dann auch egal, woher der Döner nun wirklich kommt, solange er schmeckt. Und immerhin: Kaum ein anderes Fast-Food-Gericht kann von sich behaupten, so viel zum Thema Integration beigesteuert zu haben.

Hier geht es zum Artikel Darm oder Kalbfleisch von Anja Montag.

Weiterlesen:

 

-       Seidel-Pielen, Eberhard: Aufgespießt - Wie der Döner nach Deutschland kam. Hamburg 1996.

-       http://www.welt.de/politik/article3830043/Deutschland-dreht-sich-um-den-Doener-zum-Glueck.html

-       http://www.rp-online.de/panorama/Esskultur-30-Jahre-Doener_aid_278723.html

-       http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2011/0311/berlin/0039/index.html

-       http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/ein-cleverer-chinese-vermarktet-den-kebab-als-deutsche-spezialitaet/121774.html

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