Denkmal für die ermordeten Juden Europas

Ein Ort, "an den man gerne geht"?

von Frederike Schlünder

 

Es sollte ein Ort sein, „an den man gerne geht“. So wünschte sich Altkanzler Gerhard Schröder 1998 das Denkmal für die ermordeten Juden Europas, kurz Holocaust Mahnmal. Dessen Architekt Peter Eisenman nannte sein Denkmal dann einen place of no meaning, einen Ort ohne bestimmte Bedeutung. Die Besucher geben dem Denkmal die Bedeutung. Jeder von ihnen soll die Gedenkstätte für die ermordeten Juden Europas individuell erleben. Schon alleine die schmalen Gänge zwischen den Stelen erfordern das – Nebeneinanderlaufen ist bei einer Breite von nur 95 cm unmöglich. Eine neue Idee der Erinnerung musste geschaffen werden, so Eisenman. Lebendig, in die Gegenwart gerichtet, frei von negativer Nostalgie.

     Empfindungen beim Durchqueren des dicht bebauten und schnörkellos dargestellten Stelenfeldes werden nicht vorgeschrieben. Der Besucher lässt seinen Gefühlen und Gedanken freien Lauf. Nur der unterirdische „Ort der Information“ gibt den Opfern des Holocausts Namen und klärt über einzelne Schicksale auf, macht die Trauer greifbarer. Der freigestellte Umgang mit der Erinnerung an den Holocaust veranlasst manche Besucher jedoch dazu, das Denkmal zu einem Spielplatz umzufunktionieren. Obwohl Klettern, Rennen und Springen laut Besucherordnung verboten sind, hört und sieht man viele Menschen – nicht nur Kinder – über Stelen springen und Verstecken spielen. Wo bleibt aber bei einem dadurch entstehenden Lärmpegel das von der Stiftung des Denkmals proklamierte Gefühl der Verunsicherung und Isolation? Wie soll man das Stelenfeld auf sich persönlich wirken lassen, wenn man sich durch das laute Lachen der anderen nicht konzentrieren kann? Ist es nicht auch geschmack- und respektlos, sich auf eine solche Art und Weise mit dem schlimmsten Verbrechen in der Geschichte der Deutschen auseinander-zusetzen?

Andererseits wird die Gedenkstätte sehr gut besucht und ist offensichtlich vollkommen in das Stadtbild integriert worden, statt als für sich stehendes Denk- oder gar Schandmal ein isolierter Teil Berlins zu sein. Der offene Umgang mit der Thematik zeugt außerdem von der Akzeptanz der eigenen Vergangenheit, denn schließlich hat Eisenman ein Mahnmal und kein Schandmal geschaffen. Insofern wurde Schröders Wunsch erfüllt.

Als Besucher des Holocaust Mahnmals gibt man diesem eine eigene, individuelle Bedeutung. Ob man nun andächtig und ehrfürchtig durch die Reihen geht, oder den Erinnerungsort von oben, über die Stelen kletternd, betrachtet – eines ist beidem gemeinsam: es wird zu einer körperlichen Erfahrung. Zudem erinnert alleine die Diskussion über das „Wie verhalte ich mich hier angemessen?“ an die sechs Millionen Juden, die im Nationalsozialismus getötet wurden.