"Ich liebe Berlin, aber m.b.H."

von Denise Rzeha

 

Es ist wieder eines mehr. Es hängt unten an meinem rechten Schuh. Ich habe es aus dem Augenwinkel beobachtet: Dieser Junge hat gewartet, bis seine Lehrerin sich umgedreht hat, dann klebte er mir das Kaugummi dorthin. Wie viele es mittlerweile sind, weiß ich nicht. Schon lange habe ich aufgehört sie zu zählen. Als sie die ersten paar auf mir verteilten, war ich noch empört. Jetzt nehme ich es hin – ich kann ja doch nichts dagegen tun. Immerhin bedeutet ein Kaugummi mehr meist auch eine ganze Besuchergruppe mehr.

Längst kommen nicht mehr so viele Interessierte wie damals. Ich kann es ihnen nicht einmal verübeln. Es gibt so vieles was mehr aussagt, über mich, mein Leben, meine Werke, als ich selbst, der hier sitzt und fortwährend in die gleiche Richtung starrt. Immer dieses verschmitzte Lächeln im Gesicht, immer umfassen meine Hände die Mütze, die auf meinen Oberschenkeln liegt, immer auf dieser Bank sitzend. Sie nennen es nun das Brecht-Haus, dort strömen sie alle hin, schauen sich an, wie ich gelebt habe, wie ich gearbeitet habe. Dort gehen sie hin, um etwas über mich zu erfahren. Den Bertolt Brecht kennen zu lernen. In der Chausseestraße können sie etwas erleben. Drei Jahre habe ich dort gewohnt, bis zu meinem Tod. Ich weiß noch, wie ich damals die Wohnung bezog. Meine Fenster gingen alle zum Friedhof hinaus. Die Wohnung war groß, sodass ich für verschiedene Arbeiten mehrere Tische aufstellen konnte. Die Akademie der Künste, die Probebühne des Berliner Ensembles, das Deutsche Theater und das Theater am Schiffbauerdamm – alles lag in der Nähe. Wer hätte gedacht, dass mich diese Nähe zum Theater am Schiffbauerdamm je erdrücken könnte? Tag für Tag spüre ich es zu meiner Rechten. Kaum jemand kommt noch hier hin, zu mir. Die Besucher der Stücke sind zu beschäftigt, zu spät dran, um kurz hier vorbei zu sehen. Sie hasten über die Straße, würdigen mich keines Blickes. Sie gehen lieber über den beleuchteten Weg, als hier im Dunkeln um mich herum. Wenn sie kommen, dann in Gruppen. Sie setzen sich neben mich auf die Bank, legen den Arm um mich, ab und zu tut eines der jüngeren Mädchen für ein Foto so, als würde sie mir einen Kuss auf die Wange geben.

Sie machen Peace-Zeichen und schmeißen sich auf meinen Schoß. Und dann ist immer einer dabei, der mir einen Kaugummi irgendwo hin klebt. Es ist ihnen hier bei mir zu langweilig. Schon längst kann man die Schriften auf meinem Sockel nicht mehr lesen, der Matsch des Bodens um mich herum tut sein Übriges. Lieber wollen sie meinen Grabstein auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof sehen. Einmal habe ich gehört, wie eine Reiseleiterin berichtete, mein Grabstein sei geschändet worden, deshalb sei mein Namenszug etwas heller als der auf Helenes Grab. Es wurde spekuliert, dass die Täter dachten, ich sei jüdischer Herkunft – und nicht Helene. Ruth und Elisabeth liegen auch auf dem Friedhof. Aber wohl weit von meinem Grab entfernt, wie ich einmal hörte. [1]

Ich wollte damals nur meinen Namenszug auf dem Grabstein. Das reicht.


Ich benötige keinen Grabstein, aber

wenn ihr einen für mich benötigt

Wünschte ich, es stünde darauf:

Er hat Vorschläge gemacht. Wir

Haben sie angenommen.

Durch eine solche Inschrift wären

Wir alle geehrt. [2]

 

Auf meinen Wunsch hin wurde bei meiner Beerdigung am Grab nicht gesprochen. Das war wohl auch besser so. Einmal sprach einer der Touristenführer davon, dass beim Staatsakt einen Tag nach meiner Beerdigung im Theater am Schiffbauerdamm ausgerechnet Walter Ulbricht, Paul Wandel und Georg Lukás die Lobreden hielten.[3] Das wird wohl eine heitere Sache gewesen sein.

Mein Körper liegt nun also neben Fichte und Hegel, neben Schinkel und Stüler, neben Shadow und Rauch, unter einem Ahornbaum. Und ich sitze hier, blicke jeden Tag auf Ernest & Young, eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft. Um den Platz um mich herum parken Autos und versperren mir die Sicht. Hinter mir steht ein Bauzaun, links von mir haben sie einen Showroom der Firma Yoo hin gestellt. Und dafür hat sich Cremer so eine Mühe gegeben. Oft wirft man mir, und damit ja auch ihm, vor, dass ich traurig aussähe. Sie verstehen meinen vieldeutigen Gesichtsausdruck nicht. Die leichte Anspannung um meine Augen herum signalisiert gedankliche Tätigkeit, um meinen Mund spielt ein ironischer Zug. Ironie, das ist es, was ich nun brauche. Denn es ist nicht nur mein Empfinden, dass sich die Leute immer weniger für mich interessieren. Eine Studentin hielt in der letzten Woche ein Referat genau vor meiner Nase. Fast 50 Jahre nach meinem Tod, sagte sie, habe es nun eine Studie gegeben. Ergebnis: 42 Prozent unter ihnen gaben an, noch nie etwas von mir gelesen oder gesehen zu haben. Und 89 Prozent – hatte keinen Schimmer, dass ich ein noch heute weltberühmtes Theater gegründet habe- geschweige denn, welches. [4] Ich sei passé soll Bücher-Chefredakteur Konrad Lisc gesagt haben. [5] Ich, passé. Einer der prominentesten Vertreter der modernen Großstadtliteratur der zwanziger Jahre. Kein anderer Dichter des 20. Jahrhunderts ist derart im Stadtbild präsent – und dennoch so vergessen, wie es scheint. [6]

Was weiß das kalte Chicago schon über mich. [7] Wie sehr faszinierte mich damals, im Februar 1920, als ich das erste Mal nach Berlin kam, diese Stadt. Jung war ich, 22 Jahre alt, überwältigt von dem ungeheuren Häuserhaufen, dem Tohuwabohu der Autos. Mit meiner Liebe zu Berlin verhielt es sich wie mit meiner Liebe zu Frauen. Unbeständig. Ich weiß noch, wie ich damals an meinen Freund Caspar Neher schrieb, dass alles hier schrecklich überfüllt ist von Geschmacklosigkeiten. Und an Jakob Geis wiederum verfasste ich die Zeilen, dass ich diese Stadt liebe, aber m.B.H. [8] Was hat mich diese Stadt gekostet, was hat mir diese Stadt gegeben! Ins Krankenhaus hat sie mich gebracht, völlig erschöpft war ich, denn ich hatte das Gefühl, es sei keine Luft zum Atmen da. An diesem Ort kann man nicht leben, schrieb ich in mein Tagebuch. [9] Und trotzdem: Ich kam zurück. Auch nach dem Exil. Immer und immer wieder zog mich die Stadt in ihren Bann.

 

In der Asphaltstadt bin ich daheim. Seit vielen Jahren

Lebe ich dort als ein Mann, der die Städte kennt

Zwischen Zeitungen mit Tabak und Branntwein

Mißtrauisch und faul und zufrieden am End. [10]

 

Oft habe ich meine Berlinerfahrungen verallgemeinert und verfremdet, um auf die ökonomischen und gesellschaftlichen Grundlagen hinzuweisen, die das Leben in einer verstädterten Welt bestimmen. [11] Was waren das für Zeiten! Während 1951 die Proben für das Stück Mutter im Keller des Theaters am Kurfürstendamm stattfanden, wurde oben die Oper Aufstieg und Fall der Stadt Mahagony einstudiert. Zeitgleich entstanden so zwei Aufführungen. Die eine adressierten wir an das verwöhnte Kurfürstendammpublikum, die andere zur marxistischen Schulung von Arbeiterinnen aus dem proletarischen Norden und Osten der Stadt. [12] Groß-Berlin war für mich gerade groß genug! Aber Berlin hat sich verändert, so sagen einige, die hin und wieder hier her kommen, um ein Foto zu schießen. Der alte Sportpalast an der Potsdamer Straße, in dem meine Geschichte Der Kinnhaken beginnt, musste einem großen Sozialwohnungskomplex weichen. [13] Im Jahr 1928 zählte man in Berlin 2633 Zeitungen und Zeitschriften, davon waren es über 100 politische Tageszeitungen. Heute soll es 405 Zeitungen in ganz Deutschland geben. [14] Auch das Mosse-Haus an der Jerusalemer Straße wurde erneuert, nachdem es bei der Eroberung des Zeitungsviertels durch Regierungstruppen in Mitleidenschaft gezogen wurde. Mitte der Neunziger, so hörte ich einmal, nach dem Fall der Mauer, die sie mitten durch das Zeitungsviertel bauten, ist die Mendelssohn-Ecke des Mosse-Hauses rekonstruiert worden. An der Stelle ist wohl ein neues Medienhaus entstanden. Längst gibt es auch die Wilde Bühne nicht mehr. Was für ein Tumult das damals war! Als ich 1921 dort die Soldatenballaden vortrug; sie alle hatten sich etwas anderes unter diesem Begriff vorgestellt! Ich aber sang

 

Und als der Krieg im fünften Lenz

Keinen Ausblick auf Frieden bot

Da zog der Soldat die Konsequenz

Und starb den Heldentod. [15]


Notgedrungen mussten sie den Vorhang fallen lassen, Walter Mehring trat auf die Bühne und sprach zu den Zuschauern, es sei eine große Blamage gewesen. Aber nicht für den Dichter, sondern für das Publikum. Ja, so war es damals. Vieles hat sich geändert. Das Schauspielhaus am Gendarmenmarkt soll nicht länger Schauspielhaus genannt werden, sondern Konzerthaus Berlin. Aber, so las ich es zuletzt in einer vorbei fliegenden Seite einer Tageszeitung, es scheint, als ließe sich der neue Name nur schwerlich einbürgern. [16]

Was noch alles weichen werden muss, ich weiß es nicht. Ich sitze hier und starre in Richtung Weidendammer Brücke. Dort hinten, vor mir ist das Leben. Hinter mir der Bauzaun. Auf mir die Kaugummis.



[1] Elisabeth Hauptmann und Ruth Berlau waren nicht nur Mitarbeiterinnen, sondern auch Geliebte Brechts.

[2] Brecht, Bertolt: Ich benötige keinen Grabstein, in: ders.: Gesammelte Gedichte (Band 3), a.a.O., S. 1029.

[3] Die drei Redner waren ausgewiesene Brecht-Gegner. Vgl: Bienert, Michael. Mit Brecht durch Berlin. Frankfurt am Main: Insel Taschenbuch, 1998, S. 246.

[4] Dies sind die Ergebnisse einer Studie der Gesellschaft für Erfahrungswissenschaftliche Sozialforschung (Gewis). Vgl.: http://www.dw-world.de/dw/article/0,,2128769,00.html. Stand: 03.04.2011.

[5] A.a.O.

[6] Bienert, Michael. Mit Brecht durch Berlin. Frankfurt am Main: Insel Taschenbuch, 1998, S. 18.

[7] Brecht nannte Berlin das „kalte Chicago“. Vgl.: Journale, 30. Oktober 1921.

[8] Caspar Neher, Februar 1920. Jakob Geis, 29. Februar 1920. Vgl.: Bienert, Michael. Mit Brecht durch Berlin. Frankfurt am Main: Insel Taschenbuch, 1998, S. 12.

[9] 12. Dezember 1921. Vgl.: Bienert, Michael. Mit Brecht durch Berlin. Frankfurt am Main: Insel Taschenbuch, 1998, S. 12.

[10] Aus: Ich, Bertolt Brecht, 1922.  z.B. In: Müller, Hans-Harald und Tom Kindt. Brechts frühe Lyrik. München: Wilhelm Fink, 2002, S. 119.

[11] Bienert, Michael. Mit Brecht durch Berlin. Frankfurt am Main: Insel Taschenbuch, 1998, S. 17.

[12] Bienert, Michael und Elke Linda Buchholz. Die Zwanziger Jahre: Ein Wegweiser durch die Stadt. Berlin: Story Verlag, 2006, S. 200.

[13] Brecht, Bertolt. Der Kinnhaken (1926).

[14] Vgl.: http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2005/0329/media/0045/index.html

[15] Brecht, Bertolt. Die Legende vom toten Soldaten (1918).

[16] Vgl.: Bienert, Michael. Mit Brecht durch Berlin. Frankfurt am Main: Insel Taschenbuch, 1998, S. 105.

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