Darm oder Kalbfleisch?

von Anja Montag

Es ist kalt in Berlin, der Regen hat nach einer kurzen Pause wieder eingesetzt und wer keinen Regenschirm dabei hat, flüchtet in eine der umliegenden U-Bahn- Stationen. Es ist dunkel, die meisten Rollläden in den Fenstern sind bereits heruntergelassen, die vorbeifahrenden Autos wirbeln das Wasser aus den großen Pfützen umher.

 

Kein Abend, der zu einem Spaziergang an der frischen Luft einlädt. Kein Abend, an dem man den Drang verspürt, vor die Türe zu gehen, um außerhalb etwas zu trinken oder zu essen. Doch keine Gehminute von der trockenen, winddichten U-Bahn- Station Mehringdamm entfernt, erkennt man eine Menschenmasse, dem fiesen Wetter trotzend, plaudernd und lachend, am Straßenrand.  Zwei Menschen­schlangen haben sich dort gebildet, geduldig wartend bis der Nächste an der Reihe ist.

Trotz des nassen, kalten Winterabends haben sich etwa fünfzig Menschen hinausgewagt, um ihren Gourmetgaumen zu verwöhnen. Typische Berliner Currywurst steht auf dem Speiseplan der einen. Typisch türkischer Döner wartet auf die anderen. Direkt nebeneinander verkaufen hier der legendäre Imbiss „Curry 36“ und ein mobiler Dönerverkäufer ihre kuli­narischen Fast-Food-Waren um die Wette.

 

„Dieser Currywurst-Imbiss ist sehr zu empfehlen. Ich war einmal vor zwei Jahren da und es hat einfach super geschmeckt“, erzählt mir ein Freund vor unserer fünftägigen Reise nach Berlin im Februar. „Das sollte man sich auf keinen Fall entgehen lassen. Außerdem gehört die Currywurst mit zum Kultur-Programm Berlins.“ Irgendwie gehört die Currywurst tatsächlich zum Kulturgut. Der Berliner Legende nach (die Hamburger sind da anderer Meinung)  ist sie 1949 in Berlin von Herta Heuwa erfunden worden. Was damals als kleiner Stand auf der Straße begann, ist heute aus der Hauptstadt nicht mehr wegzudenken.

 

In den Reiseführern hat sich die Wurst neben Brandenburger Tor und Siegessäule gesellt. Die vermeintlich besten Imbisse, so wie auch „Curry 36“, werden hier dem hungrigen Touristen vorgeschlagen. Der Erfinderin wurde 2003 ein Denkmal errichtet und seit 2009 gibt es sogar ein Currywurst Museum in Berlin. Die Wurst sei als „Kultur- und Gesell­schafts­geschichte zu begreifen“, sagt Birgit Breloh, Leiterin des Currywurst Museums, in „Alles über die Currywurst“.  

 

Fast-Food-Ketten, Pizzerien und Döner­Imbisse schienen der Currywurst nie ein ernsthafter Konkurrent zu sein. An jenem regenreichen Februarabend sieht das aber anders aus. Die Menschenmasse vor dem Dönerwagen ist mindestens genauso lang wie die vor „Curry 36“. Von der einen Seite hört man in Berlinerisch fragen: „Mit oder ohne Darm?“ von der anderen Seite ertönen Rufe im türkischen Akzent: „Lamm- oder Kalbfleisch?“. Zwei unterschiedliche Kulturen buhlen um die Gunst der hungrigen Gaumen. Aber so kulturell verschieden sind Currywurst und Kebab gar nicht.

 

Die Currywurst hatte sich schon fest in der deutschen Schnellküche etabliert, als im Jahre 1971 auch der Döner auf den Markt kam. Bei dem Döner handelt es sich nicht etwa um eine türkische Spezialität, die irgendwann nach Deutschland kam. Im Gegenteil. Es soll Mahmut Aygün gewesen sein, der das Dönerfleisch, das in der Türkei ursprünglich auf einem Teller mit Reis und Salat serviert wurde, erstmals in einem halben Fladenbrot in der deutschen Hauptstadt verkaufte. Ein Denkmal hat der bereits verstorbene Erfinder nicht be­kommen und auch ein Dönermuseum ist in Berlin noch nicht eröffnet worden – Kult-Status hat dieses Gericht trotzdem; mittlerweile auch in der Türkei.

 

Zwei kulturelle Spezialitäten stehen nun also auf dem Mehringdamm in Berlin-Kreuzberg im Geschmacksduell. Wer aber denkt, dass etwa Türken das Dönerfleisch bevorzugen und Deutsche die Wurst, der irrt. Verschiedene Kulturen, Generationen und soziale Schichten reihen sich in die zwei Menschenschlangen ein.

 

Die Verkäufer hinter beiden Theken sind gleichermaßen schwer beschäftigt, die Gäste zufrieden zu stellen. „Pommes oder Schrippe dazu?“, „Tsatsiki oder Joghurtsauce drauf?“ Wer seine Portion endlich bekommen hat, eilt schnell unter den Regenschutz des Curryimbisses. Hier steht, eng beieinander, eine Reihe großer Stehtische. Einige aufmerksame Besucher können auch einen Platz auf einer Holzbank ergattern. Dort, unter dem Vordach, ist es nicht mehr kalt. Ein, zwei Bier zu Currywurst oder Döner lassen den einen oder anderen innerlich warm werden. Es riecht nach Fett, nach Alkohol, nach Fleisch. Man vernimmt die Wärme von der Fritteuse und das Geräusch des Dönermessers, das der Verkäufer gerade neu schärft. Darm und ohne Darm, Lamm- und Kalbfleisch. Alle sitzen zusammen, Freunde, Fremde.  Es ist keine Konkurrenz. Es ist eine Koexistenz. Und wer sich nicht entscheiden kann, ob nun der Berliner Döner oder die Currywurst das Bessere ist, der macht es einfach wie der junge Mann am Nebentisch: „Der Döner war echt gut! Die Pommes-Currywurst aber auch!“

Hier geht es zum Artikel Die Geschichte des Döners von Daniel Schnaithmann.

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