Die Subjektivität der Erinnerung

von Anne-Katrin Mey

 

Die Schlacht der Götter tobt unbarmherzig. Sie messen sich mit den Giganten in einem unerbittlichen Kampf: „Diese eben geschaffenen, wieder erlöschenden Gesichter, diese mächtigen und zerstückelten Hände, diese weit geschwungenen, im stumpfen Fels ertrinkenden Flügel, dieser steinerne Blick, diese zum Schrei aufgerissenen Lippen, dieses schreiten, stampfen, diese Hiebe schwerer Waffen, dieses Rollen gepanzerter Räder, dieses Bündel geschleuderter Blitze, dieses zertreten, dieses sichaufbäumen und zusammenbrechen, diese unendliche Anstrengung, sich emporzuwühlen aus körnigen Blöcken.“ Bei der Lektüre dieser Zeilen aus Peter Weiss „Ästhetik des Widerstandes“ hat man das Gefühl mitten drin im Kampfgefecht der Giganten gegen die Götterschar zu sein. Natürlich ist Peter Weiss kein Augenzeuge, auch wenn er so erscheinen mag. Er ließ sich vom Pergamonaltar des gleichnamigen Museums in Berlin inspirieren. Sein belletristisches Werk nimmt in der Beschreibung des Altars und des Reliefs eindeutig Bezug auf ein damals aktuelles Geschehen: die Machtübernahme der scheinbar unbesiegbaren Nationalsozialisten. Peter Weiss schreibt über das Jahr 1937, zwei Jahre vor Ausbruch des zweiten Weltkrieges. „Auf dem Weg zum engen, niedrigen Ausgang an der Seite des Saals leuchteten uns oft aus den kreiselnden Verschiebungen der Menge der Besucher die roten Armbinden der schwarz und braun Uniformierten entgegen[…].“ Der Schriftsteller nutzt für seine Deutung der Zukunft eine Stätte der Erinnerung an Vergangenes. Die Gegenwart beeinflusst die Protagonisten des Romans bei ihrer Betrachtung. Passend dazu stellt der Neurophysiologe Wolf Singer auf dem 43. Deutschen Historikertag fest: „Jedes Erinnern findet in der Gegenwart statt.“ Er meint damit, dass jede vermeintlich objektive Erinnerung durch den aktuellen Kontext, in welchem wir uns befinden, beeinflusst wird. Unser Gehirn nimmt nur bestimmte Eindrücke bewusst auf und speichert sie selektiv ab. Wenn wir uns nun an etwas erinnern wollen, werden die Lücken im Gedächtnis einfach durch uns sinnvoll erscheinende Informationen gefüllt. Das ist auch der Grund dafür, dass zwei Menschen an die gleiche Situation vollkommen unterschiedliche Erinnerungen haben. Objektives Erinnern gibt es demnach nicht. Dies mag für den Alltag und unser persönliches Gedächtnis einleuchtend erscheinen. Doch wie beeinflusst das die Geschichtsschreibung und unsere Wahrnehmung davon? Wenn wir ein Museum mit antiken Stücken besuchen, so können wir ja nicht auf unsere persönliche Erinnerung zurückgreifen. Doch wie gestaltet sich ein Erinnern an Geschichte, an der wir persönlich gar nicht teilgenommen haben? Ist Erinnerung überhaupt das richtige Wort oder meinen wir nicht viel mehr Gedenken? An was genau sollen wir uns eigentlich „erinnern“, wenn wir vor dem monumentalen Bau des Pergamonaltars aus der ersten Hälfte des zweiten Jahrhunderts vor Christi stehen? An die mysthische Schlacht der Götter? An die Menschen, die am Bau des Altars beteiligt waren oder täglich daran vorbeigegangen sind? Oder doch an die Geschichte des gesamten Museums, das den Altar im Laufe der Geschichte mehrfach aufbauen und umgestalten musste? Für all diese Formen der Erinnerung bietet das Pergamonmuseum Raum. Ebenso aber auch für eine Deutung in die Zukunft, wie Peter Weiss sie literarisch vorgenommen hat, auch wenn er den Ausgang der Geschichte beim Schreiben schon kannte und so eine nachträgliche Interpretation natürlich viel simpler ist. Dennoch verliert die Beschreibung nichts an Aktualität. Der Kampf der Starken und Mächtigen gegen die vermeintlich Schwachen. Und die Suche nach Helden und Vorbildern. So suchen die Protagonisten in der „Ästhetik des Widerstands“ ihren Held in Herakles, von dem jedoch nur ein Namensschild zeugt, was von ihnen als böses Omen in Hinblick auf die Zukunft gedeutet wird. Wenn man ein solches Museum besucht, so will man sich aber vielleicht auch in die damalige Zeit hineinversetzen. Man wandelt an den Säulen vorbei, erstarrt vor ihrer imposanten Erscheinung und fragt sich, wie es wohl gewesen sein mag, vor über 2000 Jahren dort vorbeizugehen. Oder man ergibt sich in Ehrfurcht vor der Tatsache, dass ganze Marmorsäulen über hunderte von Kilometern mit dem Schiff transportiert wurden. Oder man lässt sich wiederum von der mysthischen Geschichte der Götter faszinieren. Die Motive bleiben wie die Erinnerung subjektiv, jeder Besucher ist von einer anderen Intention geleitet. Wenn aber schon unsere Erinnerungen so subjektiv sind, sollte dem Museum dann nicht die Aufgabe zukommen, das Vergangene so authentisch wie möglich zu präsentieren? Doch wenn das die Zielsetzung sein sollte, so stellt sich die Frage, wie authentisch ein Altar wirkt, der in der Antike auf dem Land der heutigen Türkei erbaut wurde und heute auf einer Insel inmitten einer modernen Großstadt steht. Zudem ist der Altar im Farbton der natürlichen Materialien belassen, obwohl er ursprünglich bunt bemalt gewesen ist. Für die heutige Zeit fand man die farbige Bemalung jedoch aus ästhetischen Gründen nicht angemessen. Doch dürfen wir uns in die Geschichte so aktiv einmischen? Wie authentisch ist dann das noch, was wir dort vor uns sehen? Vermitteln die beige-braunen und grau-weißen Steine überhaupt noch den richtigen Eindruck von der damaligen Zeit? Wahrscheinlich nicht. Tatsächlich können wir nie einen authentischen Eindruck gewinnen, egal wie viel wir forschen und rekonstruieren. Erinnerung hat auch immer mit einer Konstruktion der vermeintlichen Wirklichkeit zu tun. Wir können niemals wieder etwas genau so aufbauen, wie es einst war. Vielleicht ist das aber auch gar nicht so wichtig. Denn da sind wir wieder bei Wolf Singer und seinem Satz: „Jedes Erinnern findet in der Gegenwart statt“. Das fängt bei der Auswahl der auszustellenden Stücke an, führt über die Rekonstruktion dieser und endet bei der Erinnerungs-Motivation der Besucher. Raum für subjektive Deutungen bietet der Pergamonaltar genug. Jedem ist selbst überlassen, was er daraus für sich macht.

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