Schwarz zu Grau

Fragmente einer Destruktionsliste

von Stephan Krahwinkel

 

Der leuchtende Anfang

 

Die Erinnerung kehrte zurück. Eine grüne Lampe half ihm bei der Orientierung. Sie erleuchtete sein gesamtes Schlafgemach. Sie war über dem Bad angebracht und erinnerte mit ihrem Gehäuse an Leuchtmittel in Krankenhäusern. Die Lampe verwies auf ein behindertengerechtes Zimmer, in das er am Vortag untergebracht worden war. Bei eigentlich vollständiger körperlicher Gesundheit. Was die Zimmer verteilenden Personen über seinen geistigen Zustand dachten, konnte er nur erahnen. Jedenfalls war die Folge: Er verwechselte den Alarmknopf mit dem Lichtschalter.

     Allerdings kann die Aufregung an der Rezeption nicht sonderlich groß gewesen sein. Der Alarm schallte eine ganze Weile, bevor sich jemand bequemte, dem Grund für das laute Schrillen auf den Grund zu gehen. Schließlich öffnete eine beim Hereintreten bereits kopfschüttelnde Frau die Tür. Ohne Umschweife begann sie. Man solle doch bitte vorsichtig sein und erst einmal das Licht einschalten, ehe man im Zimmer agiert. Dann könne man auch die Beschriftung auf dem Schalter erkennen und würde die Mitarbeiter nicht in Panik versetzen. Sprach sie wirklich von „Panik“? Seine Augenbrauen schnellten unweigerlich nach oben. Das Schnauben konnte er geradeso unterdrücken. Bei einem tatsächlich panikwürdigen Vorfall wäre in dieser Geschwindigkeit der Mitarbeiter das gesamte Haus verloren.

     Er blieb so gelassen wie er konnte, atmete einmal durch und versuchte ein Lächeln aufzusetzen. Die Geringschätzung konnte er jedoch nicht verbergen. Genau das habe er versucht. Licht zu machen. Sein gegenüber begann ebenfalls zu lächeln. Süffisant. Zum Wohle aller sei es wohl besser, den Alarm für die Tage der Übernachtung auszuschalten. Ohne weitere Worte drehte sie sich um, drückte beim Hinausgehen auf den Lichtschalter und schloss die Tür. Er hatte fast erwartet, sie würde bald mit bunten Post-it‘s zurückkehren und die Schalter beschriften, die er drücken durfte. Und ihm die Erinnerung daran auf die Stirn kleben.

 

Die Begegnung mit der Destruktionsliste

 

     Nach dieser Begegnung wollte er gerne etwas zerstören. Gut, dass er es nicht tat, wurde er am Abend doch mit der „Destruktionsliste“ bekanntgemacht. Bei Zerstörungen, insbesondere mutwilligen, müssten diese auf der benannten Liste protokolliert werden. Wie sich herausstellen sollte, hätte er dort gerne einige Dinge eingetragen. Allerdings nichts davon, was dem Mobiliar des Hotels angehörte.

 

Erinnerte Textzeilen

 

     Er war ohne Post-it auf der Stirn aufgewacht. Und da die Lampe weiterhin leuchtete, funktionierte der Alarm immer noch. Um nicht eine weitere „Panik“ hervorzurufen, entschloss er sich, einfach das Tageslicht zu nutzen. Sofern man um halb sieben Uhr morgens im Februar bereits von Tageslicht sprechen kann. Dennoch schob er mit Schwung die Vorhänge der Fenster zur Seite. Da lag es in all seiner nicht vorhandenen Pracht vor ihm. Das dicke B. Oder zumindest eines seiner Hinterhöfe. Wenigstens konnte er den Himmel sehen. Textzeilen von Peter Fox klangen in seinen Ohren: „Guten Morgen Berlin. Du kannst so hässlich sein, so dreckig und grau, du kannst so schön und schrecklich sein. Und während ich durch die Straßen laufe, wird langsam Schwarz zu Blau.“ Schön wär‘s. So, wie es aussah, würde aus dem morgendlichen Schwarz höchstens Grau werden. Und bleiben. Der Schneeregen tat sein Übriges, um die Motivation zu drücken.


Funktionsänderung eines Raumes

 

     Sofort fiel ihm die Destruktionsliste ein. Den ersten Eintrag hatte er: „Motivation“. Er war sich jedoch sicher, dass er diesen nach einem ausgiebigen Frühstück würde streichen können. Die verlorenen Gehirnzellen waren allerdings nicht rekonstruierbar. Dafür hatten einige Cocktails gesorgt. Sie waren demnach deutlich passender für die Liste. Um dem Magen etwas anderes zur Verarbeitung zu geben als Alkohol, machte er sich auf den Weg in den Gemeinschaftsraum, um besagtes Frühstück einzunehmen.

     Am Abend zuvor war daraus eine Lesebühne geschaffen worden. Unter saunaähnlichen Bedingungen hatte er den intellektuellen Ergüssen des eingeladenen Autors und der Kommilitonen zu folgen versucht. Der steigende Anteil Kohlendioxids verhinderte allerdings eine bessere Aufnahmefähigkeit und entsprechende Arbeit seines Gedächtnisses.

     Jetzt war der Ort der Glückseligkeit wieder mit Tischen ausgestattet worden. Es war so wenig los, dass er auf dem Tisch querliegend hätte essen können, ohne dabei jemand anderen zu stören. Gerüchteweise war der Kaffee der Stimmung eher abträglich, also griff er lieber zu purem Zucker in Form von Kakao. Auf der gestrigen Sitzfläche des Autors waren nun Brötchen, verschiedene Brotsorten und Aufschnitt verteilt. Es schmeckte dennoch.

 

Der physische Tod

 

     Mit einem ordentlichen Frühstück im Magen traf er sich mit seiner Gruppe im Eingangsbereich. Berlin wollte erkundet werden. Der erste Schritt vor die Tür bescherte jedoch gleich einen neuen Eintrag für die Liste. Der Wind war so heftig, dass die mühsam zurechtgeschniegelte Frisur keine Sekunde halten wollte. Beim Verlassen des Hinterhofs bewahrheitete sich Peter Fox' Textzeile erneut. Er fand Berlin tatsächlich hässlich und dreckig. Und hielt die Stadt für eine riesige Baustelle. Aber welche Großstadt ist das nicht? Dabei war der Baulärm gar nicht die schlimmste, erst recht nicht die lauteste Belästigung seiner Gehörgänge. Es waren vielmehr die an jeder Ecke lauernden Straßenmusikanten oder Obdachlosen, die sich ein paar Euro verdienen wollten. Ein solch hohes Aufkommen von schrägen Eigeninterpretationen bekannter Songs war ihm selten begegnet. Von Lärmbelästigung konnte in den meisten Fällen kaum die Rede sein. Eher von Körperverletzung.

     Doch je länger er mit der Gruppe unterwegs war, desto mehr wurde ihm bewusst, dass Berlin eine einzige physische Herausforderung war. Zu der Dauerbeschallung gesellte sich die zuweilen unsägliche Geruchsentwicklung hinzu. Er wünschte sich nicht nur einmal die Nasenkneifer von Profischwimmern herbei. Hinzu kam die Malträtierung der Füße, die durch die vielen Kilometer aufgrund des eng geschnürten Tagesplans verursacht wurde. Aber das hat ausnahmsweise nichts mit Berlin selbst zu tun. Dennoch war dies eine weitere Ergänzung zur Destruktion des Körpers.

     Berlin kann zudem im Februar mitunter sehr kühl sein. Ein warmes Getränk erfreut daher nicht nur die Stimmung, sondern auch die Körpertemperatur. Mit ebensolchen Gedanken ging er sich einen stärkenden Kaffee kaufen. Nur meinte es die Verkäuferin anscheinend sehr gut mit ihm. Beim ersten Schluck verbrannte er sich derart die Zunge, dass diese erst am nächsten Tag wieder vereinzelte Informationen an das Nervenzentrum sendete.

     Am Ende des Tages war er froh, zumindest sein Augenlicht behalten zu haben, wenn er erschöpft auf das durchaus bequeme Bett zu fallen pflegte. Lediglich eine warme Mahlzeit und preislich billige Cocktails bewegten ihn jeden Abend zum erneuten Aufstehen.

 

Kulturelle Destruktion

 

Der geneigte Leser fragt sich vermutlich schon länger, warum er – wer auch immer dieser jemand sein magin Berlin unterwegs war. Das Stichwort lautet: Studienfahrt. Aufgrund des Pensums sprach er insgeheim jedoch lieber von einem „akademischen Bootcamp“ oder dem „Einprügeln von Kultur, Kultur, Kultur“. Wieso dachte er in diesen Momenten immer an seine Mutter und ihren Worten: „Hat es dir geschadet?“ Also ehrlich; Konzentration bitte.

     Der grundsätzliche kulturelle Vibe Berlins spürte er mit jeder Faser seines Körpers – gelegentlich unterbrochen von Übelkeitsanfällen, ausgelöst durch die Geruchssinne, und zorniger Ablenkung, herbeigeführt durch schlechte Coversongs. Ins Archiv durfte er und hielt alte Speichermedien in seinen Händen; war vom Protz des Pergamonaltars beeindruckt; hielt Bertolt Brecht aufgrund seiner faszinierend gemütlichen Wohnung für sehr sympathisch; und bekam etliche Denkmäler zu Gesicht.

     Und was ist all diesen Sehenswürdigkeiten gemein? Er betrachtete sie im Nachhinein mit solcher Skepsis, manchmal sogar Abneigung, dass er gar nicht mehr wusste, warum sie ihm jemals gefallen haben. Ausgenommen das Archiv. Das war toll. Aber es speichert die Erinnerungen lediglich. An einem Altar oder einer Person kann man hingegen wunderbar rummäkeln. Und das tat er, unterstützt durch seine Kommilitonen. Brecht war zuerst cool, später nur noch ein Arsch (Verzeihung bei möglicher Brüskierung). Als Schriftsteller ohne Frage hervorragend, war er im Verhältnis zu Frauen schlichtweg ein Mistkerl. Anschließend kam ihm (nein, nicht Brecht, sondern „er“) eine hochtrabende Bemerkung in den Sinn: Die Dekonstruktion eines Mythos. Jaja, die Liste.

     Und hier, der (Pergamon-)Altar, das riesige Ding, was soll das eigentlich in Berlin? Diese Frage verließ ihn nicht mehr, nachdem ihm bewusst gemacht wurde, dass dies schließlich keine Erhaltung einer Kultur ist, die irgendetwas mit dem Land zu tun hat, in dem er aufgewachsen ist und dessen Hauptstadt er besucht. In seinem Kopf schrie eine Stimme: „Diebstahl ist das! Kulturdiebstahl!“ Die berühmten Federn eines anderen. Und wer ist eigentlich verantwortlich für die nicht selten hässlichen Denkmäler? Winzige Figuren von 30 Zentimetern sollten nicht um das Hundertfache aufgeblasen werden und in einen leeren viereckigen, unproportional hohen Raum hinein gepflastert werden.

     So, wieder atmen. Genug der Aufregung. Hach, Bildung kann so grausam sein. Was soll er mit all diesem Wissen, wenn er sich eigentlich schöne Bauten nicht mehr ohne Hintergedanken ansehen kann?

 

Was bleibt – trotz Destruktion

 

   Nach all den anstrengenden Tagen fühlte er sich nicht nur körperlich zerstört, sondern auch geistig. So viele Eindrücke, so viele Gedanken. Auf seinem Bett liegend versuchte er ein persönliches Fazit zu ziehen. Am Abend war er noch im Theater gewesen. Beim Einlass wurde die Eintrittskarte durch einen Riss geradezu verunstaltet. Selbst dieser einfache Schnipsel Papier kam nicht unversehrt aus Berlin heraus. Als er immer weiter im überdimensionalen Kissen versank, wurde er sich schlagartig der in wenigen Tagen abgerissenen Denkbarrieren bewusst. Er sah nun klarer. Es gab nicht nur eine Destruktionsliste, sondern ebenso eine Liste des Aufbaus. Die Schaffung neuer Ansichten. Einer neuen persönlichen Erinnerung. Auch die Cocktails konnten daran nichts ändern, dass diese neue Liste unweigerlich vorlag. Er war froh über die neuen Ansichten, ohne sich sicher zu sein, sie gut zu finden; oder jemals irgendwie gebrauchen zu können. Aber das war erst einmal egal. Das Akademiker-Dasein durfte jetzt ein wenig ausruhen.

     Er wusste auf jeden Fall, dass er beim nächten Berlinbesuch – bei dem er Nasenkneifer, Chauffeur und Vor-Tester dabei haben würde – das Netz der öffentlichen Verkehrsmittel bereits auswendig kennen würde. Es würde mehr Zeit zur (ja, durchaus kritischen) Begutachtung der Hauptstadt bleiben.

     Dann fiel sein Blick wieder auf die grüne Lampe. Ja, sie leuchtete immer noch. Er musste lächeln und stand in Sekundenschnelle am Schalter – für den Alarm versteht sich. Ohne Zögern drückte er und hörte, welch Überraschung, bereits nach wenigen Sekunden jemanden fluchend über den Flur kommen. Die Tür flog förmlich auf. Die Mitarbeiterin des Hotels wollte gerade loslegen. Er war schneller. „Ich wollte sie nur daran erinnern, dass Sie den Alarm ausschalten wollten. Ich warte seit drei Tagen darauf. Also bitte tun sie mir endlich den Gefallen.“ Mit einem langgezogenen „Danke“ schob er sie wieder vor die Tür. Kurze Zeit später war das Licht aus. In dieser Nacht schlief er einen erholsamen Schlaf und wachte mit fittem Verstand auf, um Berlin zumindest für kurze Zeit „Auf Wiedersehen“ zu sagen. Was ihn begleiten würde, war mit Sicherheit nicht der Gestank – sondern die Erinnerung an eine ereignisreiche, durchaus lehrreiche Zeit.

 

Anmerkung des Autors

 

Begehen Sie nicht den Fehler und verwechseln das „Er“ dieses Textes mit dem Autor selbst. Vielmehr bestehen beschriebene Ereignisse aus Erzählungen und Erinnerungen verschiedener Teilnehmer genannter Studienfahrt. Wie Sie mit den zuweilen starken Übertreibungen umgehen, ist dabei Ihnen überlassen. Ebenso, wie viel Sie als Wahrheit und wie viel als Fiktion betrachten. Die verantwortliche Dozentin Hanna Köllhofer würde vermutlich zu Folgendem auffordern: „Bilden Sie sich Ihre eigene Meinung!“ Mit der gedachten Klammer: („Verdammt nochmal!“)