Auf den Spuren versteckter Erinnerungen

von Marlene Koch

 

Ich war in der Stadt angekommen, in der mein Großvater vor über 80 Jahren gelebt hatte. Ich war nicht zum ersten Mal in einer Großstadt, aber das hier war etwas ganz anderes. Ich hatte meinen Großvater kaum kennen gelernt. Er starb, als ich acht Jahre alt war. Aber ich erinnere mich genau, wie ich als kleines Mädchen auf seinem Schoß saß und er mir von seiner Kindheit erzählte. Ich lauschte ihm andächtig. Er erzählte mir von der Bäckerei seiner Eltern, in der er bereits in jungen Jahren aushalf. Von einem rot-weißen Ball, mit dem er zusammen mit anderen Jungen der Nachbarschaft im Hinterhof Fußball spielte. Und von den Anfängen des Krieges, die ein grausames Stück Geschichte nach sich zogen. Seine Erzählungen kamen mir vor wie aus einer anderen Welt und ich habe mich seither oft gefragt, wie es damals wohl wirklich gewesen sein mochte.

Dunkel war mir im Gedächtnis geblieben, wie mein Großvater von einem Ort versteckter Erinnerungen sprach. Aber ich konnte mich nicht entsinnen, was er damit genau gemeint hatte. Nun war es an der Zeit, einen Schritt zurück in die Vergangenheit zu machen. Ich wollte mehr über den Ort herausfinden, an dem mein Großvater aufgewachsen war.

Eine Woche nachdem ich den Entschluss gefasst hatte, stand ich in der Chausseestraße mitten in Berlin. Ohne eine Ahnung, nach welcher Hausnummer ich suchen musste, geschweige denn wie das ehemalige Wohnhaus meines Großvaters aussehen könnte. Ich ging auf der rechten Seite und folgte den aufsteigenden Hausnummern. Ich sprach einige Passanten an und ein älterer Mann erzählte mir, dass im vorderen Bereich der Straße früher einmal das Zentrum der Berliner Maschinenbauindustrie zu finden war. Die Fabriken wurden allerdings Ende des 19. Jahrhunderts in die Außenbezirke der Stadt verlagert. Sein Vater selbst hätte in der Fabrik gearbeitet. Meinen Großvater kannte er nicht, aber er wollte mir gerne die alten Fabrikhallen zeigen, die hinter den neugebauten Wohnanlagen stehengeblieben waren. Ich lehnte dankend ab, fragte ihn aber noch, ob er einen Ort versteckter Erinnerungen kannte. Er überlegte kurz und antwortete: „Berlin ist eine große Stadt. Sie ist voller Denkmäler und Erinnerungen. Manche zeigen sich offensichtlich. Bei manchen muss man genau hinschauen. Und andere wirst du nie entdecken.“ Mit diesen Worten drehte er sich um und verschwand in einem Geschäft mit der Aufschrift „All you need“. Ich schüttelte den Kopf, musste aber doch lächeln. Ich hatte wirklich geglaubt, dass dieser kauzige alte Mann mir weiterhelfen konnte.

Ich ging weiter an den Ladenlokalen entlang und dachte mir, dass hier zu Großvaterszeiten bestimmt noch keine Dönerbuden und Souvenirläden gewesen waren. Und auch die Fassaden sahen ziemlich neu aus. Selbst wenn die meisten Häuser schon vor 100 Jahren hier standen, mussten sie im Laufe der Zeit renoviert und verändert oder nach dem Krieg restauriert worden sein. Ein wenig enttäuscht blieb ich stehen. Ich würde das Haus meines Großvaters niemals finden. Selbst wenn ich herausbekäme, in welchem der Häuser er gewohnt hatte, wäre es nie so wie damals, als er noch mit seinen Freunden Ball spielte.

Ich atmete tief durch und achtete zum ersten Mal auf das befremdliche Gefühl, dass ich bereits verspürte, als ich die Stadtgrenzen von Berlin passiert hatte. Es war etwas Besonderes an dieser Stadt. Denn mein Großvater war hier geboren und durch ebendiese Straße gelaufen. Nur, dass dies nicht gestern, sondern Jahre vor meiner Geburt geschehen war. Ich erkannte, dass es gar nicht so wichtig war, sein Haus zu finden. Viel wichtiger war die Erinnerung an meinen Großvater und dass ich mir vorstellen konnte, wie er sich seine Nase an einer Schaufensterscheibe plattdrückte oder vor der Mauer auf der gegenüberliegenden Straßenseite zum ersten Mal geküsst worden war.

Ich beschloss, der Straße weiter zu folgen und mir einfach irgendein Haus auszusuchen, welches ich zum ehemaligen Wohnhaus meines Großvaters erklären würde. Ich ging an einer Bäckerei vorbei und sah durch die Fensterscheiben. Eine Frau mit einem kleinen Kind an der Hand kaufte gerade Brot und Kuchen. Ich stellte mir vor, dass dies die Bäckerei war, in der mein Großvater vor Jahren Brötchen verkaufte. Ob sich das Angebot in den Jahren verändert hatte? Die Bäckerin bemerkte mich und nickte mir aufmunternd zu. Ich grüßte zurück und lief schnell weiter.

An einer Straßenkreuzung blieb ich stehen. Ich sah auf ein gräuliches Wohnhaus und blickte zu den Balkonen empor. Sie lagen direkt an der Ecke des Hauses, so dass man von oben beide Straßen gut im Blick haben musste. Ich sah ihn regelrecht vor mir, den kleinen Jungen, der sich mit seinen kleinen Fingern an das verschnörkelte Eisengeländer klammerte und stundenlang das Treiben auf der Straße beobachtete, bis ihn seine Mutter – meine Urgroßmutter – zum Essen rief. Es war faszinierend, ich hatte meine Urgroßmutter nie kennen gelernt, aber jetzt sah ich sie deutlich vor mir. Ich verweilte an der gegenüberliegenden Straßenecke und versuchte mir alles einzuprägen, was ich bisher gesehen hatte. Bevor ich die Ampel überquerte, blickte ich ein letztes Mal auf den Balkon. Dort hängte eine Frau gerade Wäsche auf. Ein zufriedenes Gefühl stellte sich bei mir ein. Einen Punkt auf meiner Liste konnte ich abhaken. Als nächstes wollte ich die Gegend erkunden. Und vielleicht konnte ich noch etwas über den Ort der versteckten Erinnerung herausfinden.

Ich ging noch eine Weile die Straße entlang. Ganz in der Nähe musste sich einer der ehemaligen Grenzübergänge befinden. Ich hatte etwas darüber bei meiner Recherche im Internet gelesen. Zwar war mein Großvater bereits vor dem Zweiten Weltkrieges aus dieser Stadt weggezogen und auch nie wieder hierhin zurückgekehrt, trotzdem war es ein komisches Gefühl zu wissen, dass in dieser Straße einmal eine Mauer die Menschen trennte. Ich konnte mir kaum vorstellen, welche Auswirkungen der Krieg und die Teilung Deutschlands auf diese Gegend gehabt haben mussten. Heute dachten die Menschen hier wahrscheinlich nur selten an diese Vergangenheit zurück. Oder sie waren zu jung, um überhaupt wirklich mitreden zu können. Im Grunde ging es mir ja ähnlich. Aber heute wollte ich nicht meine Augen verschließen. Heute wollte ich hinsehen, was die Vergangenheit mir zeigen konnte. Auch wenn die Bruchstücke, die ich fand, mit Moos bewachsen und Efeu überwuchert waren.

Ich wechselte die Straßenseite und nahm dort meinen Weg zurück. Plötzlich fiel mir auf, dass sich dieselbe Straße aus dieser Perspektive völlig anders zeigte. Einige Häuser erschienen mir bereits vertraut. Bei anderen hatte ich das Gefühl, sie hätten sich extra dazwischen gemischt, um mich zu verwirren. Plötzlich tat sich ein Loch zwischen der ansonsten flächendeckenden Bebauung auf. Hier musste auch einmal ein Haus gestanden haben. Nun war das Gelände bereits mit Gras überzogen. Von ein paar Bauzäunen vor unliebsamen Besuchern geschützt. Was war hier passiert? Vielleicht war das Haus baufällig geworden und eine Restaurierung zu teuer. Oder es war durch ein Feuer ausgebrannt und musste deshalb abgerissen werden. Doch wo waren die Menschen, die früher einmal hier gewohnt hatten? Kannten sie vielleicht meinen Großvater?

Das Spannendste an meiner Reise fand ich, dass ich eigentlich überhaupt keine Ahnung hatte. In einer Kiste mit den wenigen Sachen, die mein Großvater hinterlassen hatte, hatte ich diesen Straßennamen entdeckt. Er stand auf einem alten Briefumschlag, dessen Inhalt verloren gegangen war. Leider war sowohl die Hausnummer als auch der Absender so verblichen, dass mir dies keinen weiteren Aufschluss gab. Ich konnte mich nur auf meinen Instinkt verlassen. Ich recherchierte vor meiner Reise im Internet, was ich unbedingt wissen musste und machte mich so schnell wie möglich auf den Weg. Nun zweifelte ich, ob es sinnvoll gewesen war, ohne weitere Informationen nach Berlin zu reisen. Mir war klar, dass ich die Menschen in dieser Gegend nach meinem Großvater fragen konnte. Ich war mir sicher, dass ich irgendwann auf einen Bewohner stoßen würde, der meinen Großvater gekannt hatte. Nur fragte ich mich, was ich mir wirklich von dieser Begegnung versprechen konnte. Ich hatte mir bereits ein eigenes Bild über meinen Großvater gemacht. Sollte ich die Gefahr eingehen, es wieder revidieren zu müssen? Ich dachte an die Worte des alten Mannes: „Manche Denkmäler zeigen sich offensichtlich. Bei manchen musst du genau hinschauen. Andere wirst du nie entdecken.“ Vielleicht war er doch nicht so verrückt wie ich zunächst gedacht hatte.

Ich bewegte mich gerade zwischen bedeutenden Orten der Geschichte. Die Weidendammer Brücke, die mir durch Erich Kästners Pünktchen und Anton bekannt war. Das Oranienburger Tor, das nur noch durch die U-Bahn-Haltestelle an das einstige Stadttor erinnerte. Der ehemalige Grenzübergang von dem nur einige Mauerreste übriggeblieben waren. Und das waren nur die Orte, die mir bereits vor meiner Reise bekannt waren. Als ich die Chausseestraße hinaufging, sah ich das Brecht-Haus und vermutete, dass er auch einmal in dieser Straße gewohnt haben musste. Allerdings muss dies Jahre später gewesen sein. Mein Großvater hat ihn wohl nicht kennen gelernt. Und dann waren da noch die Orte, die mir gar nicht bekannt waren und die ich auch jetzt nicht entdeckt hatte. Die vermutlich größte Gruppe. Denn dies war eine historische Stadt.

Doch meine Verbindung zu dieser Straße war eine ganz andere. Sie hatte nichts mit einer öffentlichen Gedenkstätte zu tun. Vielmehr war es mein eigenes Denkmal. Mein persönlicher Ort. Meine Erinnerung.

Langsam dämmerte mir, was mein Großvater mit seinen Worten gemeint haben konnte. Ich lief noch einige Stunden weiter durch diese große Stadt, die mir immer weniger fremd vorkam. Zufrieden machte ich mich auf den Weg nach Hause. Vielleicht würde ich irgendwann noch einmal als Tourist zurückkehren.

 

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