Gang durch die Berliner Theaterszene

Kleine Kulturführung zu den wichtigsten Theatern in Berlin-Mitte

von Sonja Klaverkamp

 

Länge: ca. 3,6 Kilometer/ Dauer: knapp 80 Minuten

Route: Hier klicken!

 

Wir befinden uns im Bezirk Berlin-Mitte. Hier haben zahlreiche Theater ihr Spielstätten, unter anderem das Deutsche Theater Berlin (kurz: DT), das Berliner Ensemble/Theater am Schiffbauerdamm (kurz: BE), das Maxim-Gorki-Theater Berlin sowie die Volksbühne Berlin. Berlin-Mitte war zu Sowjet-Zeiten ein Bezirk Ost-Berlins, dementsprechend standen die genannten Theater alle von 1949-1990 unter der Aufsicht der Kulturverantwortlichen der DDR.

Unsere heutige Route wird den Besuch dieser vier Theater umfassen. Die Tour ist für knapp 80 Minuten angesetzt und wird einen kleinen Einblick in das Wirken der Spielstätten von ihren Anfängen bis heute geben.

 

Deutsches Theater

1883 wird das Deutsche Theater (DT), eine Theatergruppe unter der Leitung von Adolph L’Arronge, gegründet. Die Truppe mischt volkstümliche Stücke mit Klassikern und zieht in das Gebäude des ehemaligen Friedrich-Wilhelmstädtischen Theaters ein, erbaut 1849/50.

Unter der Leitung von Otto Brahm 1894-1903 werden die Klassiker-Inszenierungen um zeitgenössische, naturalistische Stücke ergänzt; Autoren wie Gerhart Hauptmann, Arthur Schnitzler und Henrik Ibsen kommen auf den Spielplan.

1895 wird der 22jährige Schauspieler Max Reinhardt als Ensemblemitglied engagiert. Zehn Jahre später übernimmt er die Theaterintendanz und gründet die Schauspielschule des Deutschen Theaters, die heutige Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch Berlin.

1906 wird Max Reinhardt Eigentümer des Deutschen Theaters und eröffnet auf dem Nachbargrundstück die Kammerspiele mit Henrik Ibsens Stück Gespenster. Dabei entwickelte er die Idee, dass „das Publikum nicht durch einen viereckigen Ausschnitt vom Bühnenbild getrennt werden, sondern den Eindruck gewinnen [soll], einem intimen Ereignis beizuwohnen - einer Art Kammermusik des Theaters“. Reinhardt bleibt Intendant bis 1932. 1933 findet seine letzte Inszenierung am Deutschen Theater statt: Das große Welttheater von Hofmannsthal. 1937 emigriert der jüdische Theatermann nach Amerika.

Während der NS-Zeit übernimmt Heinz Hilpert die Intendanz des Deutschen Theaters und schafft es, den Reinhardtschen Stil und eine gewissen künstlerische Unabhängigkeit zu wahren. Im September 1944 muss das DT, wie alle Bühnen, schließen, da die Front näher rückt.

Vor seinem 100. Geburtstag im September 1983 wird das Deutsche Theater renoviert und innenarchitektonisch dem Zustand von 1906 angenähert.

1984-1991 wird der DT-Schauspieler Dieter Mann Intendant. Er holt Regisseure wie Thomas Langhoff, Frank Castorf oder Heiner Müller ans Theater. Regisseure, die bekannt sind für ihr politisches Regietheater, welches das klassische Drama und seine tradierten Aufbau hinterfragt und moderne, performative Gegenansätze entwickelt, um gesellschafts- und sozialkritische Themen aufzubereiten.
In der Spielzeit 1991/1992 wird das DT unter der Intendanz (1991-2001) von Thomas Langhoff „Theater des Jahres“. Regisseure sind  u.a. Jürgen Gosch und Amélie Niermeyer.

2001-2008 übernimmt der ehemalige Maxim-Gorki-Theater-Intendant Bernd Wilms die Leitung des DT. Regisseure wie Jürgen Gosch, Dimiter Gotscheff, Robert Wilson und Peter Zadek prägen das Gesicht des Theaters. 2005 und 2008 wird es erneut „Theater des Jahres“.

Seit der Spielzeit 2009/2010 ist Ulrich Khuon neuer Intendant des Hauses. Andreas Kriegenburgs Inszenierung des neuen Stücks von Dea Loher Diebe wurde zum Berliner Theatertreffen 2010 eingeladen. Regisseure wie Dimiter Gotscheff und Michael Thalheimer inszenieren weiterhin regelmäßig.


Theater am Schiffbauerdamm/ Berliner Ensemble

1892 eröffnet das Haus am Schiffbauerdamm als „Neues Theater“ mit Goethes Iphigenie auf Tauris. Der prächtige neobarocke Theaterbau steht heute unter Denkmalschutz. 1893 findet hier die Uraufführung von Gerhart Hauptmanns Die Weber statt und sorgt für einen Skandal. Da es wegen seines sozialkritischen Inhalts von der Zensurbehörde verboten wird, erklärt der Leiter des Vereins „Freie Bühne“, Otto Brahm, die Darbietung zur „geschlossenen Vorstellung für Vereinsmitglieder“.

1903-1906 übernimmt Max Reinhardt, auch Eigentümer des Deutschen Theaters, das Theater am Schiffbauerdamm. Hier konstruiert er die erste Drehbühne in einem Theater überhaupt, inszeniert darauf Shakespeares Sommernachtstraum – und wird dadurch zum Star.

1928 erfolgt der nächste Coup im Haus am Schiffbauerdamm: der Theaterdirektor Ernst Josef Aufricht eröffnet seine Intendanz mit der legendären Uraufführung der Dreigroschenoper von Bertolt Brecht und Kurt Weill. Aufricht sagt später dazu: „Ich wußte damals nicht, daß dieser Abend, die Premiere der Dreigroschenoper, am 31. August 1928 als der größte Erfolg der zwanziger Jahre in die Theatergeschichte eingehen wird.“

1949 gründen Bertolt Brecht und seine Frau Helene Weigel das Berliner Ensemble (BE). Anfangs spielt man im Deutschen Theater, 1954 zieht das Berliner Ensemble jedoch in das Theater am Schiffbauerdamm um und eröffnet mit Molières Don Juan unter der Regie von Benno Besson. Unter der Leitung Brechts wird das BE zu einem der bekanntesten und erfolgreichsten Theaterensembles der Welt. Brecht drückt dem Theater am Schiffbauerdamm seinen Stempel auf – der Name „Berliner Ensemble“ gilt nicht mehr nur für das Schauspielensemble, es wird Synonym für das gesamte Theater. 1956 stirbt Brecht während der Vorbereitungen zu Leben des Galilei. Nach Brechts Tod leitet Helene Weigel 15 Jahre lang das Berliner Ensemble allein weiter.

Nach der Wiedervereinigung Deutschlands wird das BE vom Staatstheater der DDR in eine gemeinnützige GmbH umgewandelt. Es erhält eine „Gemeinschaftsintendanz“, eine fünfköpfige Leitung, bestehend aus dem Schriftsteller Heiner Müller und den Regisseuren Fritz Marquardt, Peter Palitzsch, Peter Zadek und Matthias Langhoff. 1995 bleibt jedoch nur noch Heiner Müller übrig. Nach seinem Tod im Dezember 1995 übernimmt der Schauspieler Martin Wuttke die Leitung des Theaters.

Seit 1999 ist Claus Peymann Intendant des Berliner Ensemble. Im Mittelpunkt seiner Direktion stehen Klassiker und zeitgenössische deutschsprachige Literatur, z.B. von Peter Handke, Elfriede Jelinek, Heiner Müller, Einar Schleef, Botho Strauß, oder Christa Wolf. Peymann „versteh[t] das Theater als eine Bühne emanzipatorischer Selbstverständigung. Auf ihr hat der Disput der Kultur mit der Politik, der Künstler mit den Mächtigen, der Träumer und Visionäre mit den Machern und Technokraten stattzufinden.“

Auf der Bühne des Berliner Ensemble inszenieren bekannte Regisseure wie Luc Bondy, Andrea Breth, Leander Haußmann, Peter Stein, Robert Wilson oder Peter Zadek.

 

Maxim-Gorki-Theater Berlin

Das Maxim Gorki Theater Berlin ist das kleinste Staatstheater in Berlin. 1825-1827 errichtet, ist es anfangs ein Konzertsaal für die Singakademie zu Berlin. 1952 wird das Theater in Ost-Berlin zu einem Sprechtheater, das Gegenwartstheater zeigt. Der erste Intendant Maxim Vallentin ist Schüler des Theaterreformers Konstantin Sergejewitsch Stanislawski und vertritt dessen theatralen Ansatz des „inneren Erlebens“. Damit bilden Vallentin und sein Theater eine Alternative zu Brechts Epischem Theaterprogramm am Berliner Ensemble – während man am Maxim-Gorki-Theater die Rolle zu verkörpern versucht, will man sich am BE durch Verfremdungseffekte von ihr distanzieren. Programmatisch mit dem Namen „Maxim Gorki“ versehen, steht im kleinsten staatlichen Theater Berlins der sozialistische Realismus anfangs im Vordergrund, mit der Zeit werden jedoch auch Autoren der späteren Aufbaujahre der DDR wie Heiner Müller und Alfred Matusche gespielt. Der zweite Intendant des Hauses, Albert Hetterle (1968-1995), setzt vermehrt Wert auf eine kritische Auseinandersetzung mit Gegenwart und Politik. In den 80er Jahren stechen Thomas Langhoffs Inszenierungen von Tschechows Drei Schwestern und Volker Brauns Die Übergangsgesellschaft heraus.

Volker Hesse, Intendant von 2001-2006, stellt Stücke über das gegenwärtige politische Berlin in den theatralen Vordergrund und sorgte damit für Kontroversen.

Seit der Spielzeit 2006/2007 ist der Regisseur und Theaterautor Armin Petras Intendant des Maxim Gorki Theaters Berlin. Zeitgenössische Inszenierungen der Klassik und Moderne sowie regionale Inhalte aus Berlin und Brandenburg bestimmen den Spielplan. Zudem ist das Maxim Gorki Theater bekannt für zahlreiche Ur- und Erstaufführungen, Lesungen, Performances und Diskussionen. Schauspieler wie Fritzi Haberland, Peter Kurth, Nina Hoss, oder Maria Simon stehen hier auf der Bühne.

 

Volksbühne Berlin

Die Volksbühne wird 1913-14 auf dem heutigen Rosa-Luxemburg-Platz erbaut. „Die Kunst dem Volke“ ist das Motto des Theaters: Ein Theater, das auch für einfache Leute bezahlbar ist und durch zeitgemäße, politische Inszenierungen heraussticht. Während des Zweiten Weltkriegs wird das Theater fast völlig zerstört, 1950-54 erfolgt der Wiederaufbau der Volksbühne, die nun architektonisch schlichter daherkommt. 2009 wird der Innenbereich des Hauses saniert.

Von 1915 bis 1918 übernimmt Max Reinhardt (zu diesem Zeitpunkt auch Intendant des DT und ehemaliger Intendant des BE) die Leitung der Volksbühne.

1924 wird der Theaterreformer Erwin Piscator für drei Jahre zum Oberspielleiter der Volksbühne und prägt diese mit seinen Arbeiten zum politischen Theater. So inszeniert er Satirewerke, Sprechchorstücke und politische Revuen im Auftrag der KPD und verwendet erstmals filmische Mittel auf der Bühne.

1974 wird Benno Besson, ehemaliger Chefregisseur des DT, für drei Jahre Künstlerischer Leiter und Intendant der Volksbühne. Auch er arbeitet modern und löst immer wieder die Grenze zwischen Bühne und Publikum auf. So lässt er bei z.B. Theaterfesten sein Ensemble das gesamte Haus bespielen, die Bühne ebenso wie das Foyer oder den Hof.

Seit 1992 ist Frank Castorf der Intendant der Volksbühne und sorgt als umstrittener „Stückezertrümmerer“ immer wieder für skandalträchtige Theaterabende. Neben seinen Inszenierungen sind die politisch-provozierenden Happenings von Christoph Schlingensief genau so gefeierter Bestandteil des Spielplans wie die dadaistischen Collagen von Christoph Marthaler oder die impulsiven Sprechgeschosse René Polleschs. Bekannte Ensemblegrößen der Volksbühne sind unter anderem Henry Hübchen, Sophie Rois, Corinna Harfouch und Martin Wuttke.

 

 

Sekundärliteratur:

1) ADAC Reiseführer Berlin, 8., neu bearbeitete Auflage, ADAC Verlag GmbH, München, 2003

 

2) Brauneck, Manfred: Theater im 20. Jahrhundert. Programmschriften, Stilperioden, Kommentare, Rowohlts Enzyklopädie im Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbeck bei Hamburg, 2009

 

3) Buddée, Gisela: Berliner Spaziergänge, 1. Auflage, Merian, Ganske Verlagsgruppe, Travel House Media GmbH, München, 2007

 

4) Gronemeyer, Andrea: Theater. Ein Schnellkurs, DuMont Buchverlag, Köln, 2009

 

5) Weigel, Alexander/ Deutsches Theater (Hg.): Das Deutsche Theater. Eine Geschichte in Bildern, Propyläen Verlag, Berlin, 1999

 

6) www.berliner-ensemble.de (letzter Zugriff am 08.04.2011)

 

7) www.deutschestheater.de (letzter Zugriff am 08.04.2011)

 

8) www.gorki.de (letzter Zugriff am 08.04.2011)

 

9) www.volksbuehne-berlin.de (letzter Zugriff am 08.04.2011)

Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    Juicer Reviews (Mittwoch, 17 April 2013 08:51)

    This article was in fact exactly what I was in search of!