Irgendwo in Berlin

von Anja Köhler

 

Ich müsste so um die 60 sein, vielleicht 61. 1923 wurde ich geboren. Am 12. Mai. Ich bin ein Maikäferchen. Meine Oma hat immer gesagt: „In Monaten, in denen ein „R“ vorkommt, setz' dich nicht auf den Boden. Sonst kriegst du's mit der Blase.“ Der Mai hat kein „R“.

Im Mai stand die Gerste immer schon so hoch, dass ich ganz verschwand, wenn ich ins Feld ging. Ich bin in Bergtheim geboren. 1923. Meine Eltern hatten einen Hof. Ich lebte hier mit meinen vier Schwestern. Wir hatten Hühner, Schweine, Kühe und ein Pferd. Das war ein wirklich gutes Pferd. Ich weiß gar nicht warum ich weg bin aus Bergtheim. Ich müsste so um die 60 sein, vielleicht 61.

 

Sie ist 1948 nach Berlin gegangen, wegen eines Mannes. Da war sie 25. Sie lebten in Schöneberg. Sie wurde schwanger, die Wohnung in der Uhlandstraße wurde ihnen zu klein und sie zogen nach Wilmersdorf ins Erdgeschoss mit kleinem Garten. Ingrid wurde geboren. Er ging weiter in die Tischlerei, sie erzog das Kind. Jeden Sommer fuhren sie an die Ostsee.

Sie wünschte sich noch ein Kind, am liebsten einen Sohn, sie wusste nicht, wie kleine Jungs so sind. Doch sie wurde einfach nicht schwanger und irgendwann gaben sie es auf. Wenn Ingrid in der Schule war, ging sie in die Schneiderei und verdiente ihnen etwas dazu, damit er sonntags nicht auf seinen Braten verzichten musste. Sie verbrachte viel Zeit im Garten, erntete Bohnen, Tomaten und Kartoffeln, im Sommer Erdbeeren. Ingrid beendete die Schule und zog aus. Von nun an lud ihre Mutter zum wöchentlichen Kaffeeklatsch im eigenen Wohnzimmer ein. Ihr Mann wurde krank. Sie behielt ihre Gewohnheiten bei. 1995 starb er.

 

Ich mache mir Sorgen um meinen Mann. Er ist allein zu Hause und braucht Pflege. Morgen ist Mittwoch. Ich muss dringend noch Kuchen backen. Gisela kommt. Sie weiß, wie man mit Tieren umgeht. Wir haben Hühner, Schweine, Kühe und ein Pferd. Es ist ein wirklich gutes Pferd. Ich fühle mich unwohl. Ich muss Kuchen backen. Ich bin etwas durcheinander. Ich weiß gar nicht, was ich hier mache. Ich muss doch die Hühner füttern. Mein Mann ist immer hungrig, wenn er von der Arbeit kommt. Wir essen um sieben. Immer um sieben. Ich muss wirklich nach Hause. Ich weiß gar nicht warum ich weg bin aus Bergtheim.

 

Nachdem ihr Mann starb, baute sie ab. Sie ging nicht mehr in den Garten. Sie lud nicht mehr zum Kaffee ein. Sie hörte auf zu essen. Ingrid wohnt in Karlsruhe. Sie organisiert ein Pflegeheim und lässt die Wohnung auflösen.

 

Ich bin ganz unruhig. Ich muss nach Hause zu meiner Familie. Ingrid ist noch so klein. Als ich klein war, hatten wir so gut wie nichts. Ein Paar Schuhe in drei Jahren. Meine Zehen sind ganz krumm. Trotzdem habe ich einen tüchtigen Mann. Vielleicht bekommt Ingrid ja doch ein Brüderchen. So alt bin ich auch noch nicht. Jahrgang ’23. Am 12. Mai. Ich muss nach Hause. Ich weiß gar nicht wo ich bin. Ich kann mich nicht erinnern.

 

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