Die Zerstörungskraft der Museen

Der Pergamonaltar und seine mangelnde Authentizität im "so genannten" Erinnerungsort Museum

von Anna Jakobsmeyer

 

2. Jahrhundert vor Christus: Die Attaliden, die Dynastie der pergamenischen Herrscher, siegen über die fremdstämmigen, barbarischen Gallier. Sie stellen ihre Erfolge in die Tradition der Perserkämpfe und lassen sich als Verteidiger von Freiheit feiern. Dazu erbauen sie den imposanten Pergamonaltar, ein Denkmal, das den Sieg des Guten über das prototypisch Böse verherrlicht. Heute nun steht ein Nachbau mit nur wenigen Originalstücken des Altars im Berliner Pergamonmuseum, um an die orientale Blütezeit zu erinnern. Doch das Pergamonmuseum ist kein Erinnerungsort, es zerstört Geschichte.

           „All unser Wissen von Geschichte haftet an Orten“. Das behauptet zumindest die Ägyptologin und Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann. Geschichte schreibt sich in einen Raum ein, verankert sich dort und verändert ihn. Aber, kann es nicht auch genau andersherum sein: Verändern Räume möglicherweise Geschichte? So sieht es auch die kulturwissenschaftliche Hinwendung zum spatial turn. Historisches Geschehen findet nicht nur in Räumen statt, sondern ist von ihnen wesentlich mitbestimmt. Übertragen auf das Berliner Pergamonmuseum bedeutet das, dass der Raum des Museums selbst die Geschichte Pergamons und seines Altars beeinflusst. Ohne Frage würde der hellenistische Altar unter freiem kleinasiatischen Himmel anders wirken als in der zwischen 1910 und 1930 erbauten Dreiflügelanlage der Museumsinsel. Das Museum kann diese Geschichte nicht wiedergeben.

So geht es auch mir, wenn ich vor dem nachgebauten Pergamonaltar stehe. Imposant ist er, keine Frage, und zu gerne versuche ich mir vorzustellen, wie er wohl ausgesehen hat, damals, 2000 Jahre vor mir, in einem Land, das ich noch nie bereist habe. Und dann stellt sich mir die nächste Frage: Kann man sich das überhaupt ausmalen? Gibt es irgend jemanden, der sich durch diese Rekonstruktion wirklich in eine vergangene und entfernte Realität zurückversetzen kann?

Dennoch werden Museen wie das Pergamonmuseum als Erinnerungsorte betrachtet. Eine schlichte Unmöglichkeit. Man sollte meinen, das Museum, die Institution als solche, gebe Authentizität wieder. Aber genau in diesem Versuch scheitert es. Allein die schlichte Bewahrung des Altars – ein Nachbau des Originals, in den nur zu minimalen Teilen tatsächliche Originalteile eingebaut wurden – verdeckt und ersetzt bereits seine authentische Erscheinung. Und sei es, dass baufällige Substanzen erneuert und ausgetauscht werden, und dadurch ein natürlicher Prozess des Altars aufgehalten wird. Ein Eingriff in die geschichtliche Entwicklung!

 

Die Fälschung von Geschichte

Der Pergamonaltar zeigt eines der größten Relieffriese der abendländischen Kunst. Mit detaillierter Feinarbeit zeigt es Giganten, Abkömmlinge der Erdmutter Ge, die in einer Entscheidungsschlacht – alles oder nichts – einen Aufstand gegen die Herrschaft der Götter anzetteln und den Olymp stürmen wollen. Sie schleudern Feuerbrände und Felsbrocken, und bringen die Götter damit tatsächlich fast zu Fall, bis Herakles als Retter in der Not erscheint und dazu beiträgt, die Giganten ein für alle Mal zu vernichten. Herakles ist übrigens Vater von Telephos, dem sagenhaften Gründer der Stadt Pergamon.

Die einzig wirklich authentische Nachricht, die von diesem hellenistischen Weltwunder berichtet, hat der römische Schriftsteller Lucius Ampulius in seinem Werk Über die Denkwürdigkeiten niedergeschrieben: „In Pergamon befindet sich ein großer Marmoraltar, dessen Höhe vierzig Fuß beträgt, mit sehr großen Skulpturen; er enthält einen Gigantenkampf“. Dieser Satz allein zeigt bei mir schon mehr Ehrfurcht als der komplette Nachbau des Altars im Berliner Museum, denn dieser Satz sprüht förmlich vor Geschichte, und zwar authentischer Geschichte. Hier kommt die „Echtheit“ durch.

Aber wir sind noch nicht bei der Frage angekommen, ob Raum auch Geschichte zu ändern vermag. Schließlich soll nicht die Gigantomachie auf dem Pergamonaltar aufleben, sondern die Zeit des Altars selbst. Eine Anekdote, die zum Kopf schütteln anregt, ist die Tatsache, dass der rekonstruierte Fries nicht statisch ist, sondern wechselhaft. Das Museum spielt gern mal „Bäumchen-Wechsel-Dich“ mit den Armen, Rümpfen und Köpfen der abgebildeten Göttergestalten. Hier ist nicht einmal nur der Raum ein Zerstörer von Wirklichkeit, sondern tatsächliche Personen in Form von Kuratoren und Museumsmitarbeitern verändern das Museumsbild.

In seiner Funktion als Erinnerungsort hat das Museum eigentlich klar definierte Aufgaben: sammeln, bewahren, forschen, ausstellen. Es erfüllt seinen Bildungsanspruch, indem es versucht, Geschichte zu vermitteln. Dabei sollen die möglichst originalgetreuen Objekte als Informationsträger fungieren, die dank einer Art „Zauber der Berührung“[1] die Einzigartigkeit eines Museums hervorheben: nämlich die Begegnung des Besuchers mit dem Original. Bleibt natürlich zu fragen, wie gerade der zu fast hundert Prozent nachgebaute Pergamonaltar noch mit dem tatsächlichen Original vergleichbar wäre. Eigentlich fühlt man sich nicht anders, als hätte ein Architekt sein Modell des Altars erstellt und präsentiert dieses nun der breiten Öffentlichkeit. Die tatsächliche Umsetzung würde ganz anders aussehen. Das Museum versucht, Vergangenheit zu konstruieren, scheitert aber an den allzu künstlich erstellten und blitzblank polierten Ausstellungsstücken.

 

Künstliche Emotionalisierung von Räumen

Maurice Halbwachs prägte den Begriff des „kollektiven Gedächtnisses“, das ein Museum stets versucht aufzubauen und durch das es zu einem „gesellschaftlichen Gedächtnisarchiv“ wird. Aber kann ein monumentales Relikt wie der Pergamonaltar überhaupt zu einer „kollektiven“ Erinnerung führen? Wir waren schließlich nicht dabei, als er erbaut wurde, wir waren nicht dabei, als er zerstört wurde und noch weniger waren wir dabei, als um den Altar herum gelebt wurde. Auch hier hat das Museum eine Antwort parat: Gehen wir doch einmal unsere Generationen durch. 25 Jahre zurück haben wir zwei Vorfahren, 50 Jahre zurück sind es bereits vier, noch weiter zurück sind es dann schon acht, und wenn wir mehr als 2000 Jahre zurückgehen, wie hoch ist dann die Wahrscheinlichkeit, dass einer unserer Vorfahren sogar mitgeholfen hat, eben genau diesen Altar zu errichten? Auch eine Methode, den Besucher emotional an das Ausstellungsstück heranzuführen und aus ihm einen wirklichen Erinnerungsort zu kreieren!

           Wenn wir schon von Erinnerungsort sprechen, muss ein kurzer Exkurs in die Debatte von Raum und Ort erfolgen: Wissenschaftlich wird ein Raum als etwas betrachtet, das es noch zu konstruieren, zu gestalten, nutzen und zu besetzen gilt. Räume öffnen Dimensionen und sind demnach zukunftsorientiert. An einem Ort hingegen wurde bereits gehandelt, erlebt und gelitten. Geschichte hat an Orten bereits Spuren hinterlassen, die Vergangenheit ist dort verborgen, Orte sind vergangenheitsorientiert. Kann man also bei einem Museum von einem Ort sprechen? Ist an diesem Ort Geschichte passiert? Nein! Zumindest nicht die Geschichte, die sie darstellen. Man kann höchstens von der Geschichte des Museums selbst sprechen. Der Ort „Museum“ versucht, die Vergangenheit an anderer Stelle aufleben zu lassen, aber nicht erfolgreich. Ein Museum eröffnet einen Einblick in die Vergangenheit, aber ist niemals ein Ort der Erinnerung, an dem gelitten, an dem gelebt und an dem Geschichte vollzogen wurde. Jedenfalls nicht die Geschichte Pergamons. So gesehen wäre als Erinnerungsort nur das heute Bergama, das damalige Pergamon, akzeptabel, das Museum selbst ist „nur“ ein Raum.

Warum wurde überhaupt der Pergamonaltar nach Berlin gebracht und nicht der Türkei als Erinnerungsgut überlassen? Zur Zeit der Grabungen in Pergamon, um 1875, bedarf das junge deutsche Reich noch kulturpolitischer Legitimation. In den Blickpunkt rücken daher auch archäologische Forschung und Museen. Als das Deutsche Reich 1875 die Grabungen von Olympia bekommt, fühlt es sich international durchaus ebenbürtig mit Frankreich oder England. Grabungen sind also auch ein Mittel, um sich im internationalen Vergleich auszuzeichnen. Allerdings haperte der Deutschlandvergleich noch bei den Museen, die, anders der Louvre beispielsweise, keinen internationalen Anspruch vorweisen konnten. Der Gewinn des Pergamonaltars wurde dementsprechend hoch eingeschätzt, sogar so hoch, dass sich Bismarck höchstpersönlich in die Verhandlungen über die vielversprechenden Funde Pergamons einmischte. Das Berliner Museum katapultierte sich dadurch auf einen Schlag in die Riege der europäischen Sammlungen. Wirtschaftliche Interessen liegen hier ebenso an vorderster Front wie den kulturellen Anspruch des Museums, reale und authentische Geschichte abzubilden.

Der Pergamonaltar ist heilig. Und er entstammt einem heiligen Ort. Nicht nur für die Griechen gelten Orte immer dann als heilig, wenn in ihnen die Anwesenheit von Göttern erfahren werden kann. Dass dies auf den Pergamonaltar zutrifft, ist unwiderruflich. Ihn umgibt eine Art heilige Aura, eine antike Magie, die das Museum niemals wiedergeben kann.

Solche Relikte sollen selbst Träger von Erinnerung sein. Das heißt, sie werden nicht vom Betrachter mit Bedeutung aufgeladen, sondern sind aus sich heraus bedeutsam, haben ein eigenes Gedächtnis.[2] Seit der ausgehenden Antike war Pergamon über Jahrhunderte zerfallen, erlebte in byzantinischer Zeit nochmals einen Aufschwung und versank schließlich in seinem Ruinendasein, bis sich die türkische Stadt Bergama zu seinen Füßen ausbreitet. Bergama wäre als Palimpsest sicherlich ein passenderer Erinnerungsort an die Hochzeiten Pergamons als das Museum in Berlin.

Museen allgemein und auch das Pergamonmuseum dienen als Archiv. Sie liefern Erklärungen, bearbeiten und interpretieren die Vergangenheit. Sie wollen sie rekonstruieren, immer mit dem Anspruch von höchstmöglicher Authentizität. Dabei vergessen sie, dass Authentizität einfach nicht rekonstruierbar ist. Und das schon gar nicht an einem Ort, in einem Raum, an dem das tatsächliche Gedächtnis, die Magie und Aura des präsentierten Ortes, Pergamon und seines Altars, unmöglich einzufangen ist. Das Restaurieren und Rekonstruieren bedeutet immer eine Veränderung des vorherigen Zustandes. Ein Erfahrungssatz lautet: „Ausgraben bedeutet zerstören“.[3] Und ein Museum, auch das Pergamonmuseum, tut nichts anderes!

 



[1] So beschreibt der Deutsche Museumsbund die Aufgaben, Funktionen und Besonderheiten von Museen allgemein.

[2] Wichtig ist, auf den Unterschied zwischen Gedächtnis des Ortes und Ort des Gedächtnisses zu achten.

[3] Aus: Radt, Wolfgang. Pergamon. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1999.

 

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