Erinnerung als Kollektivmerkmal?

von Jennifer Humpfle

 

Ein Geruch, ein Geschmack – längst vergessene Gedanken.

Erinnerungen an eine vergangene Zeit. An einen glücklichen Sommertag oder an den Eintopf, wie nur Oma ihn kochen konnte?

Erinnerungen können ganz verschiedene Gestalten annehmen. Einige sind sehr präsent, greifbar – man erinnert sich an jedes Detail. Andere sind eher verschwommen, wie Geister im Nebel, kaum noch fassbar, aber trotzdem vorhanden. Rückblicke können Wohlempfinden und Freude auslösen, aber auch Trauer und Angst. Sie haben viele Gesichter.

Wie entscheidet sich, an was wir uns erinnern? Können wir das wirklich beeinflussen?

Wir machen Fotos, schreiben Tagebücher, machen Notizen … All das, um unserem Gedächtnis auch später noch auf die Sprünge helfen zu können. Findet man derlei Aufzeichnungen, kann man sich bei einigen noch genau an den Wortlaut erinnern, an den Tag … Schien die Sonne? Fiel Regen? War es kalt oder warm? All das weiß man, als wäre es gerade erst passiert. Bei anderen Denkzetteln ist es, als fiele einem das Erlebte einer fremden Person in die Hände. So habe ich das damals empfunden? War das nicht eigentlich anders?

Unser Gedächtnis spielt uns des Öfteren einen Streich. Manches idealisieren wir im Nachhinein – kein Kuchen hat so gut geschmeckt wie der zu Omas Geburtstagen, kein Weihnachten war so schön wie in Kindertagen. Von anderen Begebenheiten hingegen bleiben uns nur die negativen Gedanken im Gedächtnis. Warum das so ist, ist schwierig festzumachen. Erstaunlich ist immer, wie unterschiedlich Personen, die dieselbe Situation erlebt haben, diese später erinnern. Nicht selten führen solche Erinnerungszusammenkünfte auch zu Streitigkeiten. „Nein, so war das doch gar nicht“ oder „Du übertreibst doch!“ sind Sätze, die dann zu hören sind. Dem Rätsel, warum unsere Gehirne derart unterschiedlich filtern und verarbeiten, sind Wissenschaftler auf der Spur. Endgültig wird sich die Frage wohl lösen lassen.

Aber all das betrifft unser persönliches und im weiteren Sinne unser soziales Gedächtnis. Was ist aber mit dem kollektiven Gedächtnis?! Das soll heißen: mit dem, was zu unser aller Vergangenheit zählt wie Kriege und große Ereignisse? Werden diese anders erinnert?

Augenscheinlich schon, da in diesem Rahmen meist ein größerer Aufwand betrieben wird, um die Erinnerung an diese Geschehnisse möglichst exakt aufrechtzuerhalten. Viele Städte, die eine bewegte Geschichte haben, können dafür als Beispiel herangezogen werden. So ist gerade Berlin eine Stadt, die so viele Facetten birgt, dass es schnell einmal unübersichtlich werden kann; vor allem, wenn man zum ersten Mal dort ist und die Einflüsse ungebremst auf einen einströmen.

Fangen wir mit dem Offensichtlichsten an: der Berliner Mauer. Jeder weiß, dass Deutschland geteilt war und dass gerade Berlin durch die Teilung mitten durch Häuser, Straßen, Stadtteile von dieser in zwei Teile gespalten wurde. Alles war nach wie vor so nah und gleichzeitig doch so weit entfernt. Es lagen im wahrsten Sinne des Wortes Welten zwischen West- und Ostberlin.

Heute fällt es schwer, sich vorzustellen, wie das wohl gewesen sein muss. Teile der Mauer stehen zwar noch und ihre ehemalige Verlaufslinie ist durch spezielle Kopfsteinpflaster gekennzeichnet. Doch greifbar wird es für den interessierten Stadtbesucher nicht. Man kann sich einfach nicht vorstellen, wie eine Mauer mitten durch eine Straße geht und das Überqueren dieser nicht nur nicht gestattet, sondern gar von vielen mit ihrem Leben bezahlt worden ist. Jeder Versuch, sich diese Situation vorzustellen, endet irgendwann im Ungreifbaren. Man hat eine vage Vorstellung davon, aber wirklich nachvollziehen kann man sie nicht. Natürlich erinnern nicht nur Mauerreste an die Trennung der Stadt. Auch der Checkpoint Charlie, die ehemalige Grenzstation, ist immer noch „besetzt“, wenn man es so nennen will. Denn der als amerikanischer Soldat verkleidete Mann – oder ist es ein echter Soldat? – trägt neben seiner Uniform ein Schild, auf dem steht, was es kostet, ein Foto mit ihm zu machen. Natürlich möchte man sich die unheilvolle Stimmung an dieser Grenzstation nicht bis ins kleinste Detail vorstellen, aber so umgesetzt, wirkt das Ganze doch etwas befremdlich. Geht man durch Berlin, fällt es dem Außenstehendem schwer, sich bewusst zu machen, wo nun Ost- und wo Westberlin war. Dem Laien und Nicht-Berliner helfen hierbei lediglich die Ampelmännchen als verlässliche Zeichen. So dass manchem Touristen schon einmal erstaunt entfährt: „Oh, schau mal wir sind hier eigentlich in Ost-Berlin. Die Ampelmännchen sind ja ganz anders.“

An dieser Stelle alle Orte aufzuführen, die zum Verweilen, Nachdenken und Rückbesinnen einladen, würde zu weit führen. Vielmehr stellt sich die Frage, wann und warum Orte und Personen zu Erinnerungsgegenständen werden. Pauschal könnte man sagen, dass alle Orte, an denen in der Geschichte etwas Wichtiges passiert ist, zu solchen Stätten werden und alle Menschen, die etwas leisteten im positiven wie negativen Sinne, was den Großteil der Bevölkerung betraf. Wenn man jedoch genauer hinschaut, stellt man fest, dass es auch oft Orte oder Gebäude gibt, die extra dazu dienen, an das Frühere zu erinnern. Als Beispiel dafür können wir das Deutsche Rundfunkarchiv oder die Berlinische Galerie nennen. Hier werden Tondokumente, Bilder; kurz Werke und Aufzeichnungen aufbewahrt, bearbeitet und in Stand gehalten. Damit wir, die Nachwelt, weiterhin Zugang zu ihnen haben, aus ihnen lernen können. Dann gibt es Stätten wie das Holocaust-Denkmal, die eigens zum Zweck des aktiven Gedenkens geschaffen wurden. Über solche Orte lässt sich viel diskutieren und gerade in diesem Fall wurde dies auch kontrovers getan. Dabei sollte sich jeder selbst ein Bild machen. Was bei der Erbauung solcher Monumente nicht immer berücksichtigt werden kann, ist der Faktor der Individualität. Denn jeder gedenkt und erinnert anders. Während einige einen konkreten Ort dafür brauchen, reicht anderen einfach ein Raum der Stille, an den sie sich zurückziehen können. Einen solchen zu erzwingen, klappt nicht immer. Trotzdem ist es wichtig, dies zu versuchen und solcherlei Gemeinplätze zu schaffen. So kann jeder selbst entscheiden, ob er ihn nutzen möchte oder nicht.

 

Was mir bei all den Überlegungen im Hinblick auf das Thema Erinnerung jedoch missfällt, ist ein Punkt, der mir vor allem bei der Besichtigung der Brecht-Weigel-Gedenkstätte aufgefallen ist. Natürlich ist es interessant, sich in den Räumen umzusehen, in denen ein solch brillanter Kopf lebte und wohl auch liebte. Die Ausführungen der gut informierten Historikerin ließen einige Rückschlüsse auf das bewegte Leben Brechts zu. Und es steht auch außer Frage, dass es solch wichtigen Personen zusteht, in gewisser Art und Weise gewürdigt zu werden. Aber als wir so durch das Arbeitszimmer gingen, Schreibpulte und Bücher sahen, stellt ich mir die Frage, warum ich beispielsweise über das vergangene Leben meiner nächsten Verwandten, die zum Teil schon vor meiner Geburt verstarben, nicht so viel weiß und auch keinen benennen könnte, der mir so genaue Auskunft darüber geben konnte. Warum sollten nicht die Aufzeichnungen einer meiner Ur-Großväter genauso interessant sein wie die Bertolt Brechts? Natürlich, sie waren nicht berühmt. Aber vielleicht wären sie es geworden. Ich komme zu dem Schluss, dass das Leben des Einzelnen im Nachhinein nur für seine Verwandten von Bedeutung ist und die Erinnerung an diese Person über diese wach gehalten sollte. Doch wenn auch sie nicht mehr da sind, wer und was bleiben dann? Warum ist es weniger wichtig, an das Leben des Einen zu erinnern als an das eines anderen? Eine einfache Antwort wäre: Weil dabei an das große Ganze gedacht werden muss. Das heißt, was ein Einzelner für alle anderen bedeutet hat. Aber ist dies die richtige oder besser gesagt, ist dies eine vertretbare Möglichkeit der Beurteilung vergangener Leben? Auf diese Frage muss wohl jeder selbst eine für sich passende Antwort finden.