3. Gedichte

 

Großstadtmorgen von Arno Holz (1886)

 

Die letzten Sterne flimmerten noch matt,

ein Spatz versuchte früh schon seine Kehle,

da schritt ich müde durch die Friedrichstadt,

bespritzt von ihrem Schmutz bis in die Seele.

Kein Quentchen Ekel war in mir erwacht,

wenn mich die Dirnen schamlos angelacht,

kaum daß ich stumpf davon Notiz genommen,

wenn mir ein Trunkner in den Weg gekommen.

Und doch, ich spürte dumpf, mir war nichts recht.

Selbst die Zigarre schmeckte schlecht.

 

Halb zwei. Mechanisch sah ich nach der Uhr.

An was ich dachte, weiß der Kuckuck nur.

Vielleicht an meinen Affenpintscher Fips,

an ein Bonmot, an einen neuen Schlips,

vielleicht an ein zerbolztes Ideal,

vielleicht auch nur - ans Kaffee National.

 

Da, plötzlich, wie? ich wußt es selber nicht,

fuhr mir durchs Hirn phantastisch ein Gesicht,

ein Traum, den ich vor Jahren einst geträumt,

ein Glück, das zu genießen ich versäumt.

Ich fühlte seinen Atem mich umstreifen,

ich konnt es förmlich mit den Händen greifen!

 

Ein verwehender Sommertag, ich war allein,

auf einem grünen Hügel hielt ich im Abendschein,

und still war mein Herz und fröhlich und ruhte.

Leise, unter mir, schnupperte meine Stute,

die Zügel locker, lang und laß,

und rupfte büschelweise das Gras.

Es ging ihr fast kniehoch und stand voller Blumen.

Dazwischen roch es nach Ackerkrumen,

und hinten, die Flügel noch gerade besonnt,

mahlten drei Mühlen am Horizont.

Drei alte Dinger, fuchsrot beschienen

und schon halb vergraben hinter einem Feld Lupinen.

Sonst nichts, so weit der Blick auch schweifte,

als mannshohes Korn, das rauschend reifte;

dazu drüber ein ganz, ganz blaßblauer Himmel

voll Grillengezirp und Lerchengewimmel.

 

Das war das Ganze. Doch ich sah die Farben

und hörte den Wind wehn und roch die Garben.

Ein Sonnenblitz, drei flüchtige Sekunden,

und, wies gekommen, wars auch schon verschwunden!

 

Die Friedrichstraße. Krumm an seiner Krücke

ein Bettler auf der Weidendammer Brücke:

"Kauft-Wachs-streich-hölzer!

Schwedische-Storm-und-Wachs-streich-hölzer ..."

Mich ... fröstelte!

 


Die Kriegsbraut von Klabund/Alfred Henschke (1922)

 

Ich sage immer allen Leuten,

Ich wäre hundert Jahr ...

Die Hochzeitsglocken läuten ...

Es - ist - alles - gar - nicht - wahr.

 

Ich liebte einst einen jungen Mann,

Wie man nur lieben kann.

Ich habe ihm alles geschenkt,

Tirili, tirila -

Er hat sich aufgehängt

An seinem langen blonden Spagathaar ...

 

Auf den Straßen wimmeln Geschöpfe:

Ohne Arme, ohne Beine, ohne Herzen, ohne Köpfe,

An der Weidendammer Brücke dreht einer den Leierkasten.

Nicht rosten

Nicht rasten -

Was kann das Leben kosten?

Er hat eine hölzerne Hand,

Aus seiner offnen Brust fließt Sand.

Neben ihm die Schickse

Glotzt starr und stier.

Er hat statt des Kopfes eine Konservenbüchse,

Und sie ist ganz aus Papier.

 

Eia wieg das Kindelein,

Kindelein

Soll selig sein.

 

Mein Bräutigam hieß Robert.

Er hat ganz Frankreich allein erobert.

Dazu noch Russland und den Mond,

Wo der liebe Gott in einer goldnen Tonne wohnt.

 

Als er auf Urlaub kam,

Eia eia,

Er mich in seine Arme nahm,

Eia, eia.

Die Arme waren aus Holz,

Das Herz war aus Stein,

Die Stirn war aus Eisen,

- Gott wollt's -

Wie sollt es anders sein?

 

Er liegt in einem feinen Bett... trinkt immer Sekt...

Eia popeia -

Er hat sich mit Erde zugedeckt,

Eia popeia.

Nachts steigt er zu mir empor.

Er schwankt wie im Winde ein Rohr.

Seine Augen sind hohl. Transparent

In der offenen Brust sein Herz rot brennt.

Seine Knochen klingeln wie Schlittengeläut:

Ich bin der Sohn des großen Teut!

 

Flieg Vogel, flieg!

Mein Bräutigam ist im Krieg!

Mein Bräutigam ist im ewigen Krieg!

Flieg zum Himmel, flieg!

Fliege bis an Gottes Thron

Und erzähle Gottes Sohn:

- Vielleicht ihn freuts, vielleicht ihn reuts -

Millionen starben, Gott, wie du

Den Heldentod am Kreuz!

Noch ist die Menschheit nicht erlöst.

 

Weil Gott im Himmel schläft und döst.

Wach auf, wach auf, und zittre nicht,

Wenn der Mensch über dich das Urteil spricht!

Gross, Herr im Himmel, ist deine Schuld,

Doch grösser war des Menschen Geduld.

Tritt ab vom Thron,

Du Gottessohn,

Denn du bist nur des Gottes Hohn:

Es flammt die himmlische Revolution.

Du sollst verrecken wie wir!

Tritt ab

Ins Grab,

Mach Platz

Der Ratz,

Dem Lamm oder sonst einem Tier!

 

 

(Alfred Henschke) Klabund

Aus der Sammlung Balladen

 

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Kommentare: 1
  • #1

    u=9304 (Donnerstag, 25 April 2013 09:06)

    This particular article was exactly what I had been in search of!