2. Ausbürgerung Biermanns. Eine fiktive Nachrichtenschau.

 

Guten Tag meine Damen und Heeren. Herzlich Willkommen zu ihrer Nachrichtensendung am 13. November 1976. Auf Einladung der IG Metall startet der bekannte ostdeutsche Liedermacher Wolf Biermann seine Konzertreise durch die Bundesrepublik. Der Tourneeauftakt findet am heutigen Abend in der Kölner Sporthalle statt. Seit Dezember 1965 unterliegt Biermann einem totalen Auftritts- und Publikationsverbot von Seiten des Zentralkomitees der SED. Grund waren zahlreiche kritische Äußerungen gegenüber der Parteispitze. Für die nun geplanten Auftritte erteilte die Regierung der DDR Biermann eine Reisegenehmigung.

 

 

IKARUS-LIED


Da, wo die Friedrichstraße sacht
den Schritt über das Wasser macht
da hängt über der Spree
die Weidendammer Brücke. Schön
kannst du da Preußens Adler sehn
wenn ich am Geländer steh
dann steht da der preußische Ikarus
mit grauen Flügeln aus Eisenguss
dem tun seine Arme so weh
er fliegt nicht weg - er stürzt nicht ab
macht keinen Wind - und macht nicht schlapp
am Geländer über der Spree.


Der Stacheldraht wächst langsam ein
tief in die Haut, in Brust und Bein
ins Hirn, in graue Zelln
Umgürtet mit dem Drahtverband
ist unser Land ein Inselland
umbrandet von bleiernen Welln
da steht der preußische Ikarus
mit grauen Flügeln aus Eisenguss
dem tun seine Arme so weh
er fliegt nicht hoch und er stürzt nicht ab
macht keinen Wind und macht nicht schlapp
am Geländer über der Spree.


Und wenn du weg willst, musst du gehen
ich hab schon viele abhaun sehn
aus unserem halben Land.
Ich halt mich fest hier, bis mich kalt
dieser verhasste Vogel krallt
und zerrt mich übern Rand
dann bin ich der preußische Ikarus
mit grauen Flügeln aus Eisenguss
dann tun mir die Arme so weh
dann flieg ich hoch, und dann stürz ich ab
mach bisschen Wind - dann mach ich schlapp
am Geländer über der Spree.

 

 

Guten Tag meine Damen und Heeren. Herzlich Willkommen zu ihrer Nachrichtensendung am 16. November 1976. Die zuständigen Behörden der DDR haben Wolf Biermann das Recht auf weiteren Aufenthalt in der Deutschen Demokratischen Republik entzogen. Als Begründung gab ein Sprecher grobe Verletzung der staatsbürgerlichen Pflichten des DDR-kritischen Liedermachers an. Biermann hatte vor drei Tagen seine Konzertreise durch die Bundesrepublik in Köln begonnen. 

Guten Tag meine Damen und Heeren. Herzlich Willkommen zu ihrer Nachrichtensendung am 17. November 1976. Namhafte Intellektuelle, darunter Christa Wolf und Heiner Müller, sprachen sich in einem offenen Brief gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns aus. Sie beklagten das Vorgehen der DDR-Regierung und erklärten: „Biermann habe nie, auch nicht in Köln, Zweifel daran gelassen für welchen der beiden deutschen Staaten er, bei aller Kritik, eintritt“.

 

Einige Tage nach dem Konzert in Köln übertrug die ARD den Auftritt auch in die DDR. Viele Bürger des sozialistischen Staates erfuhren erst mit dieser Übertragung von Biermanns Liedern. Hunderttausende verfolgten die Ausstrahlung am späten Abend. Die Energie-Planwirtschaft verkraftete die plötzliche Nachfrage nicht, so das mancherorts die Stromversorgung zusammen brach.

 

Die Ausbürgerung Biermanns veranlasste weitere führende Intellektuelle der DDR zu Protestaktionen gegen die Führungspartei. Nach weitreichenden Schikanen des SED-Apparates flüchteten immer mehr Menschen in die BRD. Zunächst Künstler und kluge Köpfe, später auch Teile der Arbeiterklasse. Biermann selbst erklärte 2001: „Keine DDR konnte kippen, weil sie irgendeinen Mann mit Gitarre ins deutsche Exil jagt. Was Deutschland damals erschüttert hat, am meisten die DDR selbst, war der Protest gegen diese Ausbürgerung.“ Mit ihm schwanden die letzten Hoffnungen auf einen realen Sozialismus in Deutschland. Im Dezember 1989 trat Biermann erstmals wieder in der DDR auf. Während eines Konzerts in den Leipziger Messehallen spielte er erneut den „Preußischen Ikarus“.



 

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