Architektur der Erinnerung

von Anne Hennighausen

 

Ich betrete den Raum. Dunkel, leer und kalt liegt er vor mir. Die Tür schließt sich, ich bin allein. Über meinem Kopf, in unerreichbarer Ferne, ein Lichtstrahl. Er erhellt die Kammer nicht. Ich schreite die Wände ab – kein Ausweg. Ein Gefängnis. Ich halte den Atem an.

 

Das Jüdische Museum Berlin wurde im Jahr 2001 eröffnet. Der Gebäudekomplex in der Lindenstraße in Kreuzberg besteht aus zwei Häusern: Einem Altbau aus dem Jahre 1735 und einem Neubau von Architekt Daniel Libeskind, der im Jahr 1999 fertiggestellt wurde. Zwischen den beiden Häusern gibt es auf den ersten Blick keine Verbindung. Sie stehen nebeneinander, als hätten sie sich nichts zu sagen. Der feingliedrige barocke Drei-Flügel-Bau und der zinkverkleidete postmoderne Libeskind-Koloss hüten das Geheimnis ihrer Zusammengehörigkeit vor Außenstehenden bewusst.

 

Man betritt das Museum durch den Altbau. Über eine Treppe gelangt man unterirdisch in den Libeskind-Bau, in dem die Ausstellungsräume untergebracht sind. Eine andere Möglichkeit des Zutritts gibt es nicht, denn der Neubau scheint keine Türen zu haben. Am Fuße der schwarzen Schiefertreppe, die die beiden Häuser miteinander verbindet, steht man am tiefsten Punkt des Museums und damit gleichsam an den Wurzeln des Judentums. Hier treffen sich drei Achsen, die in leichtem Anstieg in unterschiedliche Richtungen führen. Sie stehen symbolisch für drei Wirklichkeiten der jüdischen Deutschen.

 

Die erste und gleichzeitig längste Achse ist die „Achse der Kontinuität“. Sie führt vom Altbau zum Neubau und weiter zu einer steilen Treppe, über die man zu den Ausstellungsräumen gelangt, wo 2000 Jahre deutsch-jüdischer Geschichte erzählt werden. Die zweite Achse ist die „Achse der Emigration“. Sie führt nach draußen in den „Garten des Exils“, einem Wald aus Betonstelen, die mit Ölbäumen bepflanzt wurden. Die Stelen stehen schräg auf schiefem, unebenem Boden, so dass sich dem Besucher ein verzerrtes Bild seiner Umgebung bietet. Damit soll die Erfahrung der Orientierungs- und Haltlosigkeit vermittelt werden, die die Exilanten bei ihrer Vertreibung aus Deutschland während des Dritten Reiches empfanden. Die dritte Achse, die „Achse des Holocaust“, ist eine Sackgasse. Sie mündet in den Holocaust-Turm. 

 

Ich betrete den Raum. Dunkel, leer und kalt liegt er vor mir. Die Tür schließt sich, ich bin allein. Über meinem Kopf, in unerreichbarer Ferne, ein Lichtstrahl. Er erhellt die Kammer nicht. Ich schreite die Wände ab – kein Ausweg. Ein Gefängnis. Ich halte den Atem an.

 

Der Architekt Daniel Libeskind wurde 1946 als Sohn von Holocaust-Überlebenden in Polen geboren. Er emigrierte mit seiner Familie zunächst nach Israel, später dann in die USA. Seine Bauwerke sind für ihre besondere Formensprache bekannt: Mit seinen Gebäuden erzählt Libeskind außerarchitektonische Inhalte.

So gestaltet sich auch die Architektur des Jüdischen Museums Berlin. Der Grundriss gleicht einer Zickzack-Linie, die an einen geborstenen Davidsstern erinnern kann. Den Bau durchziehen zwei Linienverläufe. Die erste Linie ist mehrfach geknickt, sichtbar durch den Grundriss des Gebäudes. Eine zweite, gedachte Linie verläuft gerade durch den Bau und durchkreuzt ihn dabei immer wieder. Nach der Idee Libeskinds steht die Zickzack-Linie für die Kontinuität der  Geschichte Berlins. Die gerade Linie spiegelt das jüdische Leben in Berlin wider.

Beide Linien schneiden sich in Leerräumen, den Voids, die das Gebäude vom Erdgeschoss bis zum Dach vertikal durchziehen. Die Voids sind das zentrale Strukturmerkmal des Libeskind-Baus. Sie sind nicht klimatisiert und haben zumeist keine künstliche Beleuchtung, ihre Wände bestehen aus kahlem Beton. Damit grenzen sie sich deutlich vom Rest des Museumsbaus ab. Diese architektonischen Leerstellen zeigen das durch die Vernichtung des jüdischen Lebens in Europa nicht mehr Darstellbare, das Verlorene. Sie machen den Verlust sicht- und fühlbar.

 

Ich betrete den Raum. Dunkel, leer und kalt liegt er vor mir. Die Tür schließt sich, ich bin allein. Über meinem Kopf, in unerreichbarer Ferne, ein Lichtstrahl. Er erhellt die Kammer nicht. Ich schreite die Wände ab – kein Ausweg. Ein Gefängnis. Ich halte den Atem an.

 

Daniel Libeskind hat mit dem Jüdischen Museum Berlin ein Bauwerk zum Holocaust geschaffen. Jede Linie, jeder Raum bekommt in diesem architektonischen Gesamtkunstwerk eine Bedeutung, atmet die jüdische, atmet die deutsche Geschichte. Erzählt von Leben und Tod, vom industriell betriebenen Massenmord an über sechs Millionen Juden durch die Deutschen während des Zweiten Weltkriegs. Der Bau macht physisch erfahrbar, was mit Worten nicht auszudrücken ist.

Immer wieder trifft man beim Durchschreiten der Ausstellungsräume auf die Voids und wird  mit der großen Abwesenheit konfrontiert. Befremdlich wirken diese Leerstellen im Museumsbau, als hätten die Verantwortlichen eine große Baustelle einfach vergessen. Immer wieder erinnern sie an die Gräueltaten des Dritten Reiches, an den unwiederbringlichen Verlust. Immer wieder erinnern sie an unser geschichtliches Erbe.

 

Am deutlichsten wird dieser Verlust, das Unsagbare, beim Betreten des Holocaust-Turmes. Der 24 Meter hohe, kalte Gedenkraum liegt am Ende der „Achse des Holocaust“ im Erdgeschoss des Museums. Der Gang, der dorthin führt, wird immer enger und dunkler und es wird merklich kühler, je näher man an sein Ende kommt. Durch eine schwere, schwarze Stahltür betritt man den Turm, der dunkel und leer ist. Seine Wände sind, wie die der Voids, aus nacktem Beton gefertigt. Der Aufenthalt darin erzeugt ein Gefühl der Beklemmung, denn Tageslicht dringt nur durch einen Spalt in der hohen Decke ein. Geräusche von außerhalb sind deutlich zu hören, die Außenwelt und damit die Normalität bleiben jedoch unerreichbar. Der Holocaust-Turm ist ein erschreckender Ort, ein Ort der unumstößlichen Wahrheit. Er ist der gelungenste Raum im ganzen Museum.

 

Ich betrete den Raum. Dunkel, leer und kalt liegt er vor mir. Die Tür schließt sich, ich bin allein. Über meinem Kopf, in unerreichbarer Ferne, ein Lichtstrahl. Er erhellt die Kammer nicht. Ich schreite die Wände ab – ein Ausweg. Kein Gefängnis. Ich atme auf und trete hinaus.

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Kommentare: 1
  • #1

    Best Juicer (Freitag, 19 April 2013 00:24)

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