Die vitale Werkstatt

von Daniel Hadrys

 

Es ist überhaupt nichts Besonderes, was Roland Albrecht in seinem „Museum der unerhörten Dinge“ ausstellt. Überhaupt nichts. Es gibt keinen antiken Altar, keine Rembrandt-Gemälde, auch keine privaten Reliquien einer historischen Persönlichkeit.


Es sind Gegenstände, die irgendwo herumlagen, auf Trödelmärkten oder der Straße, bis Albrecht sie gefunden und zum Sprechen gebracht hat. Sie wären sonst als tote Reliquien wahrscheinlich irgendwann verendet im Restmüll. Diese Gegenstände waren irgendwann mal für irgendwen wichtig, sie hatten vielleicht sogar eine Funktion (zukünftige Besucher sollten Albrecht mal nach jener des Holzkreises mit Aussparung fragen, die Reaktion ist ansteckend). Sie sind aufgeladen mit Erinnerungen, doch es sind nicht diese, die Albrecht ihnen entlockt. Es sind Fremderinnerungen, die in einem Prozess der höchst produktiven Rumspinnerei entstehen.


Die Glocken der DDR und der weiße Rotwein


Wie jene in der Kassette mit den Glocken der DDR, die wahrscheinlich vor einiger Zeit noch zwischen den abgewetzten Papphüllen alter Schlagerschallplatten und kitschigen Hundeskulpturen eines verzweifelten Trödelverkäufers lag. Der Museumsbesucher erfährt über die Kassette, dass diese Glockenaufnahmen, falls von allen Bürgern der DDR zu einem Zeitpunkt abgespielt, die Mauer hätten zum Einsturz bringen können. Einige Schrauben, die vermutlich in einem Straßengraben lagen und sich durch den Regen eine dicke Rostschicht anoxidiert haben, werden zu „Schrauben eines Flugzeugabsturzes“, der sich 1939 in Peru ereignet haben soll. Was weiß Albrecht noch darüber? „Der einzige Überlebende, Gary Dlugos, überlebte, weil er Bartók-Melodien sang. Das Flugzeug wie die Opfer vergletscherten.“ Wer Bartók kennt, weiß, dass die atonale Musik des ungarischen Komponisten so singbar ist wie die Schrauben genießbar.


Zwei „Dinge“, die diese Bezeichnung aufgrund ihres absolut undefinierbaren Ursprungs wirklich verdienen und die ein wenig aussehen wie Zahnräder, werden zu „zwei Teilen der Schreibmaschine, auf der Walter Benjamin sein berühmtes Essay 'Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit' schrieb“. Sie seien nötig gewesen, um die Buchstaben „k“ und „a“ zu schreiben und ausgerechnet dann kaputt gingen, als Benjamin habe „Kamera“ schreiben wollen.


Zu einer Weinflasche erzählt Albrecht die Geschichte vom weißen Rotwein, der seit dem 15. Jahrhundert mit päpstlicher Erlaubnis extra für ein italienisches Dörfchen hergestellt wird. Der Grund: „Der Pfarrer Gino Dante aus Saluzzo erlebte seine eigenen Predigten selbst sehr intensiv, arbeitete mit seinem ganzen Körper, riss ihn immer wieder hoch, ließ ihn in sich zusammen fallen, fuchtelte ausladend mit seinen Händen, um die Worte des Herrn anschaulich und intensiv darstellen zu können und verschüttete dabei regelmäßig den roten Messwein.“ Weil sich dies nicht gut machte auf der weißen Robe, wurde eben der weiße Rotwein gebraut.


Der weiseste Mann von Berlin


Wenn die Gäste ihm zuhören oder seine Geschichten lesen (es sind an die 50 Texte zu ebenso vielen Exponaten), zeigt sich in ihren aufmerksamen Blicken eine Mischung aus Skepsis, Freude, aber auch das Bewusstsein, dass Albrecht wohl einer der weisesten Männer sein muss, denen sie seit langem begegnet sind. Denn zu jedem „Ding“ recherchiert er mit mikroskopischer Akribie, er würde die Gegenstände wahrscheinlich bis in ihre kleinsten Atome zerlegen, wenn er könnte, um auch diese zu untersuchen. Er geht mit seiner Recherche zurück bis zum kulturhistorischen Hintergrund ihres Materials.


Spielzimmer und Intensivstation


Was ist also „Das Museum der unerhörten Dinge“? Es ist das Spielzimmer Albrechts, sein literarischer Arbeitstisch und eine Intensivstation für die Dinge, die kurz davor waren, ihren Wert in der Welt und damit ihr Leben zu verlieren, bevor Albrecht sie durch seine literarische Tätigkeit zurück aus der Bedeutungslosigkeit holte.


Eine junge Frau, eine von Albrechts Gästen, fragte ihn während eines Besuches etwas nassforsch: „Glauben Sie die Geschichten eigentlich irgendwann selber, die Sie erzählen?“ Am liebsten hätte man ihr gesagt, dass sie Albrecht nicht verstanden hat, nicht einmal verstanden hat, was er tut, sollte sie diese Frage ernst gemeint haben. Es geht Albrecht nicht darum, seine Besucher hinters Licht zu führen oder sie glauben zu machen, dass seine Erzeugnisse auch nur irgendeinen Wahrheitswert hätten. Es geht ihm darum, die Welt aus Nutzlosigkeit, die sich wie ein Netz über das scheinbar Wichtige, Beachtungswürdige gelegt hat beziehungsweise gelegt wurde und sich zwar noch im Hier und Jetzt befindet, aber irgendwie auch nicht mehr existiert, weil sie nicht mehr Teil unserer selektiven Wahrnehmung und unserer auf „convenience“ und pragmatischer Schnelligkeit ausgelegten Welt ist, literarisch zu melken, sie eben zu hören. Zwischen „Coffee to Go“ und dem nächsten Handy-Gespräch geht uns das Bewusstsein für unsere Umwelt verloren.


Albrecht erinnert daran, dass jeder Straßenmüll einmal Teil einer Biographie war, wenn auch nicht in der Form, die er auf seinen laminierten Zetteln präsentiert. Mit einem äußerst demokratischen Verständnis hebt er die Unterscheidung auf zwischen „menschlich“ und „künstlich“, denn er definiert Leben neu.
„Leben“ findet man auch dort, wo man es nicht vermutet, sogar im Müll auf der Straße. Und damit zu Genüge auch in Albrechts vitaler Werkstatt, in der die Buchstaben auf den Zetteln wirken wie die Ausschläge auf einem Herzmonitor.

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Kommentare: 1
  • #1

    Masticating Juicer (Sonntag, 21 April 2013 01:54)

    This is a great post! Thanks for sharing with us!