Kampf gegen das Vergessen

von Tasso Griep

 

Berlin. Seine Gliedmaßen sind verdreht, das Gesicht schmerzverzerrt. Der Mund weit aufgerissen, als wolle er fragen, warum. Um ihn herum eine Traube von Menschen, interessierte Blicke, das Klicken von Kameras. Seine Arme und die Nase sind zertrümmert. Die Schritte der Schaulustigen hallen durch den Raum und werden von den hohen Wänden zurückgeworfen. Die Identität des Mannes und seines Peinigers sind nicht bekannt, und so wird es wohl auch bleiben, denn er liegt schon seit über 2000 Jahren an der gleichen Stelle.

 

Er ist Teil eines 2,30 Meter hohen Fries, welches die Nordseite des Pergamonaltares ziert. Der Altar ist mit seinen 113 Metern der längste erhaltene Fries der griechischen Antike. Der Nordfries ist Teil des so genannten Gigantenfries, welcher den Kampf der Götter gegen die Kinder der Urgöttin Gaia darstellt. König Eumenes II. ließ ihn bereits in der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts v. Chr. auf dem Burgberg der Stadt Pergamon erbauen. Rund 20 Jahre nach der Ausgrabung in der Türkei kam er schließlich 1901 nach Berlin und gehört seitdem zu den bekanntesten Attraktionen der Museumsinsel.

 

Die Menschentraube zieht weiter, verlässt den zertrümmerten Giganten und erklimmt unter viel Staunen die Treppe des Altars. Auch hier ruhen die Finger ununterbrochen auf den Auslösern der Kameras, allzeit bereit zum Abdrücken. Der Raum hinter dem Altar beherbergt das Markttor von Milet. Durch das Glasdach strömt helles Tageslicht und beleuchtet eindrucksvoll die Säulen und das Bodenmosaik, welches eingezäunt in der Mitte des Raumes weilt. Nur ein paar Schritte sind nötig, um die Antike Griechenlands zu verlassen und inmitten römischer Architektur zu stehen.

 

Das Markttor stammt aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. und zierte einst die kleinasiatische Stadt Milet. In ihm vereinen sich verschiedene architektonische Stile: das griechische Bogentor, die römische Bühnenfassade und den hellenistischen Baustil. Während des Zweiten Weltkriegs versuchte man, das Tor durch eine Ummauerung zu schützen, leider jedoch mit wenig Erfolg. Erst vor rund drei Jahren wurde das Tor fachmännisch repariert und erstrahlt nun wieder in seinem einstigen Glanz.

 

Doch so beeindruckend das Tor und die Säulen auch sind, es zieht die Besucher weiter ins Innere des Museums. Mit langsamen, bedachten Schritten, fast wie bei einer Prozession, schlängelt sich die Gruppe in die nächsten Ausstellungsräume. Es geht durch einen weiteren beeindruckenden Torbogen, und die Menge verstummt, als sie vor dem restaurierten Ischtar-Tor steht. Die blauen Glasurziegel des babylonischen Stadttores reflektieren das Licht der Kamerablitze wieder. Staunend bewundert die Gruppe die Bauinschrift des Königs Nebukadnezar II. auf der linken Torseite. Die Schriftzeichen wirken wie aus einer anderen Welt und ziehen die Blicke magisch auf sich.

 

Bereits in den Jahren 605–562 v. Chr. ließ Nebukadnezar II. das Tor als Teil einer Prozessionsstraße errichten. Auf einigen älteren Listen wird die Stadtmauer Babylons zu den sieben Weltwundern gezählt. Verschiedene Löwen, Stiere und Drachen – die Symbole für die Hauptgottheiten Babylons – schmücken das Tor. Die Stadt Babylon lag am Euphrat im heutigen Zentral-Irak, und ihr prachtvolles Stadttor befindet sich seit 1930 im Pergamonmuseum.

 

Vom geschundenen Giganten bis hin zu diesem Weltwunder der Antike finden die Besucher im Pergamonmuseum Geschichte zum Anfassen. Erinnerungen können verblassen, doch Museen konservieren die Geschichte, so dass auch noch unsere Enkel vor den beeindruckenden Bauten der Antike werden verweilen können, um sich zu fragen, wie es in der damaligen Zeit wohl war. Es gibt wenige Orte auf der Welt, an denen Erinnerungskultur so betrieben wird wie auf der Museumsinsel in Berlin. Das Pergamonmuseum ist nur ein Beispiel dafür, wie die Vergangenheit im Bewusstsein der Menschen erhalten und vergegenwärtigt werden soll.

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