Erinnerung ist Inszenierung

von Christopher Friedburg

 

Berlin ist eine Stadt der Erinnerung. Die Metropole an der Spree verströmt Geschichte aus jeder Pore, aus jeder Ritze, aus jeder Gasse. Hier leben Menschen, die mitunter vier verschiedene Gesellschaftssysteme an einem Ort erlebten, hier verlief die Mauer und trennte die Parteien des Kalten Krieges. Hier tobte in den goldenen Zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts das bunte Leben der Weimarer Republik, hier ersannen und verwalteten die Schergen des Dritten Reiches nur zehn Jahre später ihre Eroberungs- und Vernichtungsfeldzüge gegen die zivilisierte Welt. Hier protestierten die 68er gegen die verknöcherte Nachkriegsära der westdeutschen BRD, hier wurden Kritiker des ostdeutschen SED-Regimes unter menschenunwürdigen Bedingungen weg- und mit ihnen ein ganzes Land eingesperrt.

 

Man kann sich also an so vieles erinnern, gerade was die neuere deutsche Geschichte angeht, wenn man an Berlin denkt. Die Frage ist nur, woran man denkt. Das hat zum einen mit dem eigenen, politisch-persönlichen Profil zu tun.

 

An was will ich mich erinnern, was möchte ich vielleicht vergessen, womit beschäftige ich mich überhaupt, wovon weiß ich und wovon kann ich wissen?


Wenn mir die Geschichte der Weimarer Republik gänzlich unbekannt ist, so kann und will ich zumeist nicht nach ihren Spuren suchen. Wenn ich nicht weiß, wer Hitler war, werde ich die Topographie des Terrors nie verstehen. Wenn mir vielleicht sogar die Vergangenheit gänzlich egal ist, verkommt das KaDeWe in meinen Augen nur zu einem weiteren schnöden Einkaufstempel.

 

Hier kommt die Inszenierung ins Spiel. Denn Erinnerung ist Inszenierung. Sie ist Darstellung. Darstellung des Geschehenen, aber gleichzeitig auch Selbstdarstellung eines aktuellen Seins. Eines Zustandes, der nicht viel später schon wieder Geschichte ist. Der aber im Jetzt pointiert Aufmerksamkeit erzeugen soll.

 

Eine Kultur kann zu ihrer Blütezeit noch so mächtig sein – wenn sie kein Zeugnis ihrer Macht, Kraft und Geistesgegenwärtigkeit hinterlässt, wird sie vergessen und unter meterdickem Staub begraben. Im kollektiven Gedächtnis der Menschheit blieben vor allem die Zivilisationen erhalten, die sich selbst den nachfolgenden Generationen noch durch Präsenz aufdrängen – sei es durch steinerne Pyramiden, goldene Schmuckstücke oder aber kolossale Tempelanlagen. Einige wenige Kulturen haben es geschafft, nur durch Mythen, Erzählungen oder zeitgenössisch dokumentierte und dabei herausragende (Greuel-)Taten im Gedächtnis zu bleiben. Aber auch in solchen Fällen, um Atlantis und Troja als Beispiele zu nennen, suchen Forscher und Hobby-Archäologen umso fieberhafter nach handfesten Beweisen für die Existenz solcher sagenumwobenen Existenzen. Denn der moderne Mensch glaubt im Grunde nur, was er hört, fühlt und sieht – denn er ist schon seit geraumer Zeit rational geprägt und damit einer mythologisierten Welt gegenüber nicht bereit, allem grundlos Glauben zu schenken.

 

Doch wie bedient man das Verlangen einer Gesellschaft nach greifbaren Nachweisen vergangener Epochen? Wie verwaltet man das, was der Zahn der Zeit von den Erzeugnissen untergegangener Zivilisationen übriggelassen hat?


Nun, man inszeniert die Vergangenheit eben. Es bleibt ja auch nichts anderes übrig – schließlich können wir das Geschehene nicht im Original wiederbeleben. Kein Freilicht-Museum der Welt kann die grausame Realität eines Konzentrationslagers zurückholen oder auch nur annähernd simulieren. Keine Wanderausstellung über ägyptische Tempelstatuen kann den Glanz der Pharaonen annähernd abbilden. Kein Grundriss auf Papier und kein einzelnes Steinfragment wird der Wucht einer antiken Tempelanlage gerecht. Aber die Inszenierung dieser Anhaltspunkte prägt doch unser Bild von der Vergangenheit und macht sie greifbar.

 

Eine solche Inszenierung kann dabei ganz harmlose bis naiv anmutende Züge tragen – wie zum Beispiel im Pergamon-Museum auf der Berliner Museums-(Halb-)Insel. Dort wird den Gästen bei einer Führung geraten, sich die, in der eher stickigen Halle auf sumpfigem Spree-Boden manifestierte, antike Altar-Rekonstruktion auf einem grünen Hügel in Klein-Asien vorzustellen. Das weckt eine gewisse kindliche Fantasie. Fragwürdiger wird eine Inszenierung aber, wenn beispielsweise aktiv in das Stadtbild eingegriffen wird. So rissen einst die Funktionäre der DDR das durch den Krieg zerstörte Stadtschloss der preußischen Könige und Kaiser ab, um dieses Symbol des Absolutismus durch ein Symbol der neuen, sowjetisch geprägten Gesellschaftsordnung zu ersetzen – sie errichteten den Palast der Republik. Kaum ist nun auch die DDR Geschichte, muss der Palast wieder einer Rekonstruktion des alten Stadtschlosses weichen. Preußens Glanz und Gloria ist schließlich schlicht vorzeigbarer als der Asbest-verseuchte Muff der Honecker- und Ulbricht-Jahre.

 

Und so spiegelt sich, wie in einem großen Theaterstück, in der Erinnerungs-Inszenierung immer auch die Überzeugung und Weltsicht der Inszenierenden wider. Will heißen: Die Art der Erinnerung sagt viel aus über die politischen, geistigen und kulturellen Strömungen einer Stadt und einer Gesellschaft. Hier werden offizielle Lesarten, Auslegungen, aber auch Interessen derjenigen offenbar, die das Selbstbild und das Leben der sich erinnernden Gesellschaft entscheidend leiten und beeinflussen. Hier zeigt sich, wie das moderne Deutschland sich selbst sieht und wie es gesehen werden will.

 

Doch nicht nur ein großes Ganzes gilt es in Berlin zu inszenieren. Oft schaffen es selbst einzelne Personen, sich so im rechten Licht zu präsentieren, dass sie in der Hauptstadt Teil der Erinnerungskultur werden. Als Beispiel kann hier Bertolt Brecht dienen. Er, dem in Berlin gleich an mehreren Stellen gedacht und gehuldigt wird, ist in der literaturwissenschaftlichen Forschung schon mehrfach mit ungeheuerlichen Vorwürfen konfrontiert worden. Dass er einige seiner berühmtesten Werke gar nicht selbst verfasst habe. Dass er zu einer polygamen Lebensweise neigte, dass er Frauen belog und ausnutzte, ja sogar ihre Arbeitskraft missbrauchte; dass er seinen Namen einfach über Texte setzte, die er hat bearbeiten lassen, statt sie selbst zu schreiben. Von solchen kritischen Tönen hört man beispielsweise im Brecht-Weigel-Haus nichts. Es ist viel Verehrung vorhanden, wenn die junge Museumsführerin voller Ehrfurcht über den Dichter, dessen Frau und die vor Ort entstandenen Werke spricht. Für Kritik ist da kein Platz, es bleibt die Huldigung des literarischen Helden. Vergangenheit macht milde und über die Toten rede nur wohlwollend[1], so mag man da einwerfen. Aber die Nachgeborenen-Milde hat im Falle Brecht auch viel damit zu tun, dass sich der Poet schon früh zu positionieren und eben zu inszenieren wusste. Sein Auftritt war kalkuliert, er spielte mit Medien und mit Attitüden, und er konnte schon zu Lebzeiten auf große Erfolge verweisen, was nicht jedem Schriftsteller vergönnt war. Der Lohn ist ein überaus positives Image – allenfalls kann man Brecht in aller Öffentlichkeit vorwerfen, einen überproportionalen Anteil an der germanistischen Schulbildung zu haben.

 

Inszenierung also ist das A und O, wenn etwas in guter Erinnerung behalten werden soll. Umso wichtiger, dass man sich schon zu Lebzeiten darum Gedanken macht, was von einem bleibt. Was für Personen gilt, das gilt auch und erst recht für Städte und Staaten. Dabei muss beachtet werden, dass die Inszenierung von Erinnerung wiederum Teil einer eigenen Inszenierung ist: So wie ich gedenke, so soll mir später gedacht werden; so wie wir gedenken, so soll uns später gedacht werden. Auch dafür bietet Berlin ein schönes Beispiel. Im vergangenen Jahrhundert hatte Deutschland ein, gelinde gesagt, nicht ganz positives Bild nach außen transportieren können. Krieg, Tod, Demütigung und Vernichtung gingen gleich zweimal binnen kürzester Zeit von deutschem Boden aus und hat schweren Schaden an der einst so strahlenden Marke des fleißigen Volkes von Dichtern und Denkern angerichtet. Wenn man Berlin betrachtet, fällt auf, dass sich hier eine große Anzahl von Museen und Mahnmalen unterschiedlichster Art und Prägung auf engstem Raum ballt, von denen viele allerdings in einem direkten Bezug zur kurzen, aber katastrophalen Regierungszeit der Nationalsozialisten stehen. Kritiker geben zu bedenken, dass ein solcher Überfluss an Erinnerungskultur viel Geld kostet – was meist vom bundesdeutschen Steuerzahler mit aufgefangen wird, auch wenn er in Schleswig-Holstein oder Baden-Württemberg sitzt. Schließlich leistet sich eine klamme Kommune wie Berlin mit seinen vielen Erinnerungs- und Ausstellungsstätten einen großen Luxus. Was dabei allerdings nicht bedacht wird, ist: Erinnerung ist auch Teil der Politik. Und ein probates Mittel, sich in der Außendarstellung gegenüber dem Rest der Welt von Verfehlungen vergangener Tage zu distanzieren.

 

Sicher ist es kostspielig, dass der Bund in Berlin beispielsweise ein jüdisches Museum sowie ein Holocaust-Mahnmal bauen ließ und unterhält – ganz abgesehen von der Errichtung einer Reihe weiterer NS-Mahnmale, die in kleinerer Ausführung an anderen Stellen der Stadt aus dem Boden gestampft wurden und werden, wie zum Beispiel die Gedenkstätte für die Sinti und Roma oder die kleine Installation für die verfolgten Homosexuellen. Über die Konzepte und Umsetzungen dieser Gedenkstätten kann lange, trefflich und viel debattiert und gestritten werden, aber sie sind eindeutige Zeichen dafür, dass sich Deutschland mit seiner Vergangenheit auseinandersetzt. Die Inszenierung der dunklen Kapitel der deutschen Geschichte sind Symbole für den Versuch, wieder eine akzeptable Selbstdarstellung zu etablieren. Eine gute Erinnerungspolitik macht also vielleicht arm, aber auch sexy. Oder sagen wir zumindest: ein bisschen mehr sexy. Und vielleicht bleibt Berlin mit seinen Mahnmalen wirklich einmal als Stadt des Gedenkens in den Köpfen der Menschen verankert.

 

Was kann man also lernen von einem Blick auf Berlin und die dort zur Schau gestellte Art des Erinnerns?


Zum einen: Erinnerung in einem gesamt-gesellschaftlichen Kontext ist Inszenierung, Politik, Kultur und offizielle Lesart, Instrumentalisierung und bisweilen Propaganda. Was aber vor allem zählt, ist, dass man sich bewusst macht, wie und warum wo erinnert wird. Denn das sagt viel aus über das Selbstverständnis des Staates und der Gesellschaft, in denen wir leben. Das nach außen transportierte Selbstbild des Kollektivs Deutschland gibt uns, die wir ja Teil des großen Ganzen sind, die Möglichkeit, eben jenes Deutschland im Jahr 2011 von außen zu betrachten.

 

Zum anderen sehen wir, dass das Erinnern relativ ist. Woran wie erinnert wird, hängt immer auch davon ab, woran wie erinnert werden soll. Umso wichtiger ist es, dass wir unsere eigene Linie im Umgang mit der Erinnerung finden. Denn Erinnerung ist eigentlich etwas sehr persönliches, etwas, das wir individuell erfahren und beeinflussen können. Wir müssen nicht die offizielle Präsentation des Vergangenen akzeptieren und arglos anerkennen. Wir können sie hinterfragen und nach den Spuren dessen suchen, was hinter der Fassade hervorscheint. Dafür bietet eine Reise nach Berlin immer genügend Möglichkeiten. Denn an kaum einem Ort der Erde ist Geschichte so vielseitig greifbar wie hier.



[1] „De mortuis nil nisi bene“, lehrt uns eine berühmte lateinische Phrase.