Die Erinnerung als jetzige Erfahrung

von Lennart Faßbeck

 

Als ich ein Kind war, nahm ich mir einmal vor, mich genau an diesen Moment zu erinnern. In diesem Augenblick war ich gerade auf der Toilette, wie jeden Tag, und betrachtete dabei wie immer den Sprung in der Fliese unserer Badewanne, der heute noch nicht repariert ist. Ich denke, ich habe mich dazu entschlossen, weil ich jeden Tag dort saß. Eigentlich wollte ich mir auch das Datum merken, habe es aber nicht geschafft. Der Moment jedoch ist für mich besonders, da ich mich an ihn erinnere. Oder vielleicht eher, weil ich mir vorgenommen habe, mich an ihn zu erinnern. Ich war sieben oder acht Jahre alt.

Ein paar Jahre später – vielleicht war ich zehn, vielleicht auch vierzehn Jahre – gab es wieder einen solchen Moment; nur dass ich dieses Mal auf der Toilette im Erdgeschoss saß und mir das Muster der Duschfliesen ansah. Ich glaube, dass dieser Moment vom ersten unabhängig entstanden ist, wenn man so sagen kann.

Ich erinnere mich nicht speziell an die Fliesen oder an etwas Anderes, das zu diesem Zeitpunkt im jeweiligen Badezimmer da war oder passiert ist. Ich erinnere mich an den mit dem Moment verbundenen Gedanken, der meine Erinnerung gleichermaßen darstellt sowie ermöglicht – oder ermöglicht hat. Wenn man so will, habe ich also meine ganz eigene Erinnerung geschaffen – und das völlig unabhängig von der empirisch erfahrbaren Welt. Dennoch würde ich das Ganze als Erfahrung (an die ich mich erinnere) bezeichnen, und als eine sehr prägende obendrein.

 

Aus diesem Widerspruch ergibt sich die Frage, die wohl schon weit älter ist als meine Erfahrung auf der Toilette: Was unterscheidet Erinnerung von Dichtung? Denn was unterscheidet meinen Gedanken auf der Toilette grundlegend von einem z.B. literarischen Gedanken, der zu einem Roman wird (an den wiederum auch erinnert werden kann).

Man könnte natürlich leicht sagen, dass Erinnerungen von irgendwelchen historischen Ereignissen, die man miterlebt hat, abhängig sind. Doch würde ich dagegen halten, dass man ständig(!) irgendwie historische Ereignisse erlebt und nur einen Bruchteil davon im Gedächtnis behält. Die Ereignisse, die man erinnert, waren auf irgendeine Art so einprägsam, dass man über sie nachdenkt und mit ihnen dann einen Gedanken verbindet. Wird dieser Gedanke dann zu einem späteren Zeitpunkt von einem anderen Gedanken berührt, erinnern wir uns an das Ereignis, das sozusagen als Symbol oder kognitive Verkürzung herangezogen wird.

Davon abgesehen können wir uns beispielsweise auch an mittelalterliche Schlachten oder sogar an fiktive Ereignisse eines Romans erinnern, obwohl wir nicht dabei waren. Aber der entscheidende Punkt ist, dass wir uns nicht an das Ereignis oder die Fiktion erinnern, sondern an einen Gedanken, den wir selbst hatten, als wir von dem jeweiligen Ereignis erfuhren.

Geht man jetzt noch davon aus, dass Geschichtsschreibung kein objektiver Prozess des Faktenniederschreibens ist, sondern eine symbolische Konstruktion des Historikers, lässt sich wohl das Erinnern als ein rein geistiger Prozess beschreiben, der seinen Ursprung in der empirisch erfahrbaren Wirklichkeit haben kann, aber nicht haben muss.

 

Ist die Erinnerung an ein Ereignis eigentlich nur die Erinnerung an einen Gedanken, so erscheint die Trennung zwischen wirklich erlebtem Ereignis und späterer Einordnung oder Erklärung dieses Ereignisses nicht sehr leicht. Erklärungen oder das Herstellen von Zusammenhängen und Kausalitäten sind subjektive Interpretationen, die mir die Merkwürdigkeit eines Ereignisses, die durch den besonderen an das Ereignis gebundenen Gedanken zum Ausdruck kommt, erklären sollen. Dieser erste Gedanke versuchte wahrscheinlich aber schon bei der Erfahrung, das Ereignis in irgendwelche Zusammenhänge einzuordnen. Das heißt, dass dieser ursprüngliche Gedanke, der meine Erinnerung gleichermaßen ermöglicht sowie darstellt, beim Erinnern und Reflektieren von den neuen Überlegungen überlagert wird und sich zu Gunsten neuer Erklärungen verändert. Das Ereignis als Stellvertreter des ursprünglichen Gedankens bleibt, das eigentlich Erinnerungswerte wird transformiert von meinem neuen Ich. Somit ist nicht das Ereignis das Wesentliche an der Erinnerung, sondern das stete individuelle oder kollektive Umdeuten eines Ereignisses – also die stete individuelle oder kollektive Umwandlung eines ursprünglichen Gedankens, der mit diesem Ereignis – ob erdacht oder erlebt – verbunden wird.

So kann ich abschließend sagen, dass sich in Erinnerungen vielmehr das Jetzt widerspiegelt als das Damals, was allein in der Tatsache begründet ist, dass wir immer im Jetzt erinnern. Haben wir das begriffen, so wird das Erinnern – begriffen als das Umwandeln eines Gedankens – zur geistigen Erfahrung im Jetzt. Hierbei befinden wir uns in einer rein geistigen Welt, in der die Unterscheidung, ob diese Erfahrung auf Erdichtetem, Erdachtem oder Geschehenem beruht, als müßig, irrelevant und unfruchtbar erscheint.

 

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