Das Jüdische Museum Berlin

Ort der Erinnerung

ein Radiofeature von Theresa Droste

 

Sprecher 1: Weibliche Stimme

Sprecher 2: Männliche Stimme

Sprecher 3: Männliche Stimme

Autorin: Theresa Droste

O-Töne

 

Musik: Franz Schreker – Intermezzo, 3. Satz aus der >>Romantischen Suite<< op. 8

Musik wird weiter eingespielt, jedoch als musikalische Untermalung


Sprecher 1: Das Jüdische Museum Berlin – Ort der Erinnerung. Ein Feature von Theresa Droste.

 

O-Ton: „Ungezwungen sollen sie sein. Frei von der Last der Geschichte. Und dennoch verstehen lernen, was geschah.“[1]

 

Sprecher 1: Das Jüdische Museum Berlin öffnete zum ersten Mal im September 2001 seine Türen. Heute ist es eines der meist besuchten Museen Deutschlands. Doch was ist es, dass es zu einem so besonderen Ort macht? Vielleicht ist es der Versuch des Museums, Erinnerungen, Freude, Trauer, Schicksale und Hoffnung zu visualisieren, hörbar und greifbar zu machen. Das Jüdische Museum möchte gerade die jungen Menschen ansprechen, und einladen, zur Begegnung mit der Vergangenheit. Miteinander ins Gespräch kommen, das ist es, worauf Michael Blumenthal, der Direktor des Jüdischen Museums, größten Wert legt.

 

Musik wird ausgefadet


O-Ton: „Wir tun die Arbeit, nicht nur für jüdisches und nichtjüdisches Zusammenleben. Sondern für das Zusammenleben mit allen Menschen. Und besonders mit Jugendlichen, die das lernen sollen, die daraus Schlüsse ziehen sollen aus unserer Geschichte. Und die das in ihrem Leben, normalen Leben, dann anwenden sollen.“[2]


Sprecher 2: „Unser Ziel ist klar: Musikalische Untermalung setzt ein: Comedian Harmonists – Ein Lied geht um die Welt Die Geschichte der deutschen Juden mit allen ihren Hoch- und Tiefpunkten in dieser Stadt und in diesem Land zu zeigen",

 

Autorin: sagte Blumenthal am Eröffnungstag[3]. Die Höhepunkte der Geschichte der deutschen Juden liegen vor allem in den Goldenen Zwanziger Jahren. Zahlreiche Lebensläufe, Fotos, Tondokumente und Zeitungsberichte zeugen davon.

 

O-Ton: „Selten hatten sich Juden in Deutschland so sehr als Teil der deutschen Gesellschaft gefühlt.“[4]


 Autorin: Es scheint, dass erst durch die Beschäftigung mit der Weimarer Republik, in der die deutschen Juden gesellschaftlich eingebunden waren, unmissverständlich deutlich macht, welche lange, kontinuierliche gemeinsame deutsch-jüdische Vergangenheit unwiderruflich zerstört wurde. Und somit ist es auch notwendig, die Tiefpunkte der Geschichte der deutschen Juden museal darzustellen.

 

Musikalische Untermalung endet


Doch wie stellt man eines der schlimmsten und nachhaltigsten Verbrechen an der Menschheit dar? Wie macht man es greifbar? Wie gibt man jenen ihre Stimme zurück, die zunächst entmündigt und später ermordet wurden?

 

Musikalische Untermalung setzt ein: Jeff Buckley – Hallelujah


Das Jüdische Museum findet einen Weg. Durch das Präsentieren einzelner bestimmter Menschen und ihrer Schicksale. Durch die Möglichkeit sich mit ihnen identifizieren zu können. Mit Briefen in denen sie ihre Wünsche und Ängste offenbarten. Mit Fotos, die Momente ihres Lebens festhielten. Fotos, auf denen uns Menschen ansehen, mit denen wir uns auseinander zu setzen beginnen. Fotos, die uns hinterfragen lassen, wer diese Menschen waren. Was hat sie beschäftigt? Was erwarteten sie vom Leben? Welchen Schmerz erlitten sie? Wie sahen sie die Welt? Mit Tonaufnahmen, die uns aufhorchen lassen und Menschen, die vielleicht längst in Vergessenheit geraten wären, wieder ein wenig lebendig erscheinen lassen. Mit zahlreichen Gegenständen des alltäglichen Lebens, die uns Geschichten über ihre ehemaligen Besitzer erzählen. Durch Berichte von Zeitzeugen und Überlebenden. Und nicht zuletzt durch das Aufzeigen des Vermächtnisses und der Höhepunkte der jüdischen Bevölkerung in Deutschland vor dem Nationalsozialismus: Ihrer Sprache, ihrer Kultur, ihrer wirtschaftlichen, sozialen und wissenschaftlichen Errungenschaften.

 

Musikalische Untermalung wird ausgefadet

 

Sprecher 1: Daniel Libeskind, amerikanischer Architekt jüdischer Herkunft, setzte sich 1989 in einem Architektenwettbewerb unter 165 Mitbewerbern durch. Die Maßnahmen für den Neubau des Jüdischen Museums in Berlin, begannen 1992 und endeten 1998.

 

Sprecher 2: „Der Libeskind-Bau wurde erstmals in der »Langen Nacht der Museen« im Januar 1999 für Besucher geöffnet und entwickelte sich schnell zum Publikumsmagneten. In den folgenden zwei Jahren besuchten fast 350.000 Menschen den noch leeren Bau.“[5]

 

O-Ton: „Das Museum muss beides zeigen: Die Höhepunkte und Errungenschaften der deutsch-jüdischen Geschichte und zur gleichen Zeit muss es das totale Vakuum, die Leere deutlich machen, die durch die Vernichtung von Juden in Europa entstanden ist. Das ist es, wofür das Museum steht. Es ist ein durch die Leere definierter Raum und zugleich ein Brückenschlag in die Zukunft.“[6]


Autorin: So erklärt Libeskind die Bedeutung des Museums. Die gemeinsame deutsch-jüdische Geschichte, ihren Bruch im Nationalsozialismus und den Nachhall des Holocausts, setzt Libeskind in der Architektur des Jüdischen Museums auf eindrucksvolle, erfahrbare und somit greifbare Weise um. Aus der Vogelperspektive erinnert der Museums-Bau an eine sich windende Schlange, oder an einen zerborstenen Davidstern. Ein architektonisches Zeichen gegen die Shoa, die Vernichtung der Juden. Die Fassade des Libeskind-Baus ist zum Großteil Zink verkleidet. Einzelne Fenster, welche die Fassade wie Risse durchziehen, erinnern an Verwundungen. Die Bedeutungsschwere der Architektur Libeskinds, setzt sich im Innenbereich des Museums fort.

 

Sprecher 3: „Darin liegt die Aufgabe der Architektur, der Künste und der Wissenschaften. Die Opfergabe einer Nachtwache über Sinn, der nicht da ist, sowie über Sinn, den es vielleicht – keiner weiß es – hätte geben können. Aus der Katastrophe, aus der Geschichte, erhebt sich, was nicht historisch ist. Und dem fürchterlich Entfernten entspringt das vertraute Flüstern.“[7]

 

Sprecher 1: Um in die Ausstellungsräume zu gelangen, müssen die Besucher zunächst eine Treppe hinuntersteigen, die vom Altbau in den neuen Libeskind-Bau führt. Hier, im Untergeschoss, sieht sich der Museumsbesucher drei Gängen gegenübergestellt.

 

Musikalische Untermalung setzt ein: Béla Bartók – Musik für Saitenistrumente, Schlagzeug und Celesta (1937) 3. Satz: Tempo Adagio


Drei Achsen, welche die Geschichte der deutschen Juden symbolisieren. Die längste der drei Achsen, ist die der Kontinuität. Sie verbindet die zwei anderen Achsen und führt den Besucher in die Ausstellungsräume. Die zweite Achse steht symbolisch für die Emigration und führt hinaus, in den Garten des Exils. Die dritte Achse, dieser Gang wird immer enger, endet im Holocaust-Turm.

 

Autorin: Hoffnungsspendend und dennoch bedrückend ist die Auflistung der vielen Exil-Orte auf der ganzen Welt, an den Wänden der Achse der Emigration. Eindrucksvoll und schockierend ist die Auflistung der vielen Vernichtungslager in Europa, an den Wänden der Achse des Holocausts.

 

Sprecher 1: Der Holocaust-Turm ist ein dunkler, leerer und kalter Raum, dessen Wände mehrere Meter hoch sind. Lediglich durch eine schmale längliche Öffnung an der Decke dringt Tageslicht hinein. Die Dunkelheit und die Kälte des Turms, und auch seine Bedeutung, wirken auf viele Besucher beklemmend. Einige werden von dessen Wirkung so überwältigt, dass sie es nicht lange in diesem Raum aushalten können. Andere fallen in Ohnmacht.

 

O-Ton: „Das war im Grunde der Teil des Museums, der mir am aller intensivsten in Erinnerung geblieben ist. Auch eben weil man in diesem Raum, aufgrund der Stille, die Möglichkeit hat, zu rekapitulieren, was man gerade gesehen hat, aber das auch einfach viel persönlicher auf sich wirken zu lassen, als man es eigentlich von Museen gewöhnt ist.“[8]


Musikalische Untermalung wird ausgefadet


Sprecher 2: „Die Resonanz des Libeskind-Baus ist nachhaltig und kommt nicht von ungefähr. Wie Daniel Libeskind, der Sohn von Holocaust-Überlebenden, selbst sagte, habe er das Gebäude nicht erfinden, nicht erst recherchieren müssen. Vielleicht ist es ihm deshalb gelungen, der deutsch-jüdischen Geschichte eine erstaunlich beredte Form zu verleihen. Mit Leerräumen (Voids) und Übergängen, mit den drei Achsen der deutsch-jüdischen Erfahrung und einem verwirrenden Garten des Exils schuf Libeskind ein Bauwerk zum Holocaust, macht aber auch die Kontinuität und Hoffnung auf ein Miteinander sicht- und fassbar. Für die Besucher bedeutet allein die Begegnung mit seinem Werk eine sinnliche Erfahrung.“[9]

 

Sprecher 1: Der Garten des Exils besteht aus insgesamt 49 Betonstelen, die, umgeben von einer Betonmauer, in den Himmel ragen. Die Stelen sind in bestimmten Abständen auf einer quadratischen Fläche aufgestellt. Zwischen den Stelen wurde gerade so viel Platz gelassen, dass die Besucher durch sie hindurch wandern können. Auf den sechs Meter hohen Stelen wachsen in den Sommermonaten Ölweiden, welche in der jüdischen Kultur ein Symbol der Hoffnung darstellen. Der Garten des Exils

 

Sprecher 3: »steht für den Versuch, den Besucher vollständig zu desorientieren, für einen Schiffbruch der Geschichte«. (Daniel Libeskind, 1999).[10]

 

Autorin: Der Garten des Exils vermag es auf eindrucksvolle Weise, das Wesen des Exils erfahrbar zu machen.

 

Sprecher 1: Der Grund, auf dem die Stelen angebracht sind, ist spürbar und sichtbar geneigt. Dies hat nicht nur zur Folge, dass das Begehen des Gartens mühevoll ist und der Gang unsicher wird. Es führt auch dazu, dass alles außerhalb der Mauer, die den Garten des Exils umfasst, schief wirkt. Zwangsläufig hat der Besucher eine andere Sicht auf die Welt und das ihm Bekannte erscheint plötzlich fremd.

 

Autorin: Trotz des ernsten und erdrückenden Themas der Shoah, oder vielleicht gerade wegen dieser Ernsthaftigkeit, versucht das Jüdische Museum, auch Fröhlichkeit und Hoffnung auszustrahlen und zu vermitteln. Lachen ist nicht nur erlaubt, sondern sogar erwünscht. Lebendiges und fröhliches erinnern und gedenken, das möchten Blumenthal und seine Angestellten, gemeinsam mit den Museumsbesuchern, umsetzen. Die Philosophie des Hauses ist, Gastgeber zu sein. Hierzu gehört auch: die Museumsführung auf die Interessen der Besucher abzustimmen und ihnen Themen zur Auswahl anzubieten.

 

O-Ton: „Schreiben, Lesen, Begegnung im Jüdischen Museum Berlin. Nicht nur Erinnerung an Vergangenes, sondern Einladung, fast ein Appell. 2000 Jahre jüdische Geschichte auf deutschem Boden, sollen eine Zukunft haben.“[11]


Autorin: Im Jüdischen Museum wird einmal mehr deutlich, dass Museen erst durch ihre Mitarbeiter zum Leben erweckt werden.

 

Musikalische Untermalung setzt ein: Asaf Avidan & The Mojos - your anchor


Durch jene, denen es gelingt, den Geist und den Gedanken des Museums zu vermitteln und fort zu tragen in die Köpfe und im besten Fall in die Herzen der Besucher. Dies ist von ganz besonderer Relevanz in eben jenem Museum, in denen Geschichten erzählt werden, von Menschen denen im wahrsten Sinne des Wortes die Stimme genommen wurde.

 

Musik wird weiter eingespielt; wird lauter.


[1]    Die Vermittler – Das Jüdische Museum Berlin: Eine Dokumentation von Günther B. Ginzel. Rundfunk Berlin-Brandenburg. 2006.

[2]    Die Vermittler – Das Jüdische Museum Berlin: Eine Dokumentation von Günther B. Ginzel. Rundfunk Berlin-Brandenburg. 2006.

[4]    Die Vermittler – Das Jüdische Museum Berlin: Eine Dokumentation von Günther B. Ginzel. Rundfunk Berlin-Brandenburg. 2006.

[6]    Die Vermittler – Das Jüdische Museum Berlin: Eine Dokumentation von Günther B. Ginzel. Rundfunk Berlin-Brandenburg. 2006.

[7]    Hrsg. Müller, Alois Martin: Daniel Libeskind: Radio – Matrix. Architekturen und Schriften. München/New York: Prestel Verlag. 1994.

[8]    Die Vermittler – Das Jüdische Museum Berlin: Eine Dokumentation von Günther B. Ginzel. Rundfunk Berlin-Brandenburg. 2006.

[11]   Die Vermittler – Das Jüdische Museum Berlin: Eine Dokumentation von Günther B. Ginzel. Rundfunk Berlin-Brandenburg. 2006.

 

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