Haptische Erinnerungen an die Hauptstadt

Berliner Souvenirs

von Alexandra Dobias

 

Heutzutage kann man sich keine zehn Kilometer von seiner Heimatstadt entfernen, ohne dass man entweder eine Postkarte à la „Schöne Grüße aus Castrop-Rauxel, das Wetter ist genauso schlecht wie bei euch und das Essen schmeckt auch gleich“ schreiben muss oder einen sinnfreien, staubfangenden und platzwegnehmenden Gegenstand zu völlig überteuerten Preisen mitbringen muss. Jeder kann sich vorstellen, was es da für Klassiker gibt. Ansonsten frischt unser aller Freund Wikipedia das Souvenirbewusstsein mit folgenden Geschenkideen auf:

 

„Hierbei [Anmerk. d. Verf.: Souvenirs!] handelt es sich dann häufig um etwas landestypisches. Auch Tassen (Sammeltasse), T-Shirts, Aschenbecher, Schlüsselanhänger, Salz- und Pfefferstreuer, Stocknägel etc. mit Namensaufdrucken der besuchten Orte oder Abbildungen derselben sind beliebte Souvenirs.[…] Beliebte Souvenirs sind auch Miniaturen bekannter Bauwerke wie des Eiffelturms, des Brandenburger Tors, des Kölner Doms usw.“

 

Aha. Klar. Vor allem Stocknägel mit Namensaufdrucken reizen in diesem Zusammenhang besonders. Denn die haben ebenfalls eine Erinnerungsfunktion – man erinnert sich nämlich jedes Mal beim Wandern daran, wie man heißt. Wer braucht das nicht? Oder aber zwei in sich identische Wanderstöcke stehen in einem Wirtshaus in der Eifel plötzlich nebeneinander. Da wird dem einen oder anderen Wanderliebhaber vor Schreck zunächst die Luft wegbleiben – doch Halt! Die Rosi hat dem Franz ja vor 5 Jahren von ihrem Berlin-Aufenthalt einen Stocknagel mitgebracht. Gott sei Dank war die Rosi in Berlin. Sonst hätte Franz jetzt vielleicht nicht mit seinem eigenen Wanderstock durch die Wälder spazieren können.

Auch Salz- und Pfefferstreuer sind für jede Hausfrau ein Must-Have. Denn nur so bekommt man die die würzige Seeluft Kiels, die frische Waldluft Bayerns oder aber halt die Ostluft Berlins auch in sein Essen. Zwei Eier, Milch etwas Mehl und eine Prise Berlin. Und schon hat man ein unnachahmliches Aroma in seinen Pfannkuchen. Mit einem Salzstreuer von Karstadt aus Essen hätte man das Frühstück NIEMALS so gut hinbekommen.

Nur bleibt die Frage offen, was an einem Aschenbecher oder einer Tasse „landestypisch“ sein soll. Hat ein echter Berliner Jung‘ seinen Joint vorher in dem Aschenbecher ausgedrückt? Oder hat Matthias Schweighöfer bereits aus der Kaffeetasse getrunken? Muss ja. Denn wie will man sonst den „echten Berliner Flair“ in seine Wohnung bekommen? Genau. Ein Souvenir aus der Hauptstadt ist einfach unumgänglich.

 

Wobei man sagen muss, dass sich durch die französische Note das Wort „Souvenir“ viel bedeutender anhört, als der Gegenstand, den man (meist) gezwungenermaßen kauft, wirklich ist. Französische Wörter sind nette Accessoires der deutschen Sprache, sie sind einfach en vogue, ein wahrliches plaisir. „Mitbringsel“ ist da schon umgangssprachlicher. Trotzdem haben beide Wörter dieselbe Bedeutung: Andenken, bzw. Erinnerung. Eine Erinnerung an eine Person, ein Ereignis oder einen Ort, an dem der beschenkte Freund sowieso nicht war und somit auch eigentlich nichts verbinden kann, außer einem Wutanfall, wenn sich die Krempelschublade SCHON WIEDER nicht öffnen lässt, weil Person X unbedingt eine 1,5 Liter Flasche Kraneberger aus Hamburg mitbringen musste – was natürlich als das berühmte „Alster“-Wasser verkauft wird. Ob sich meine Tante auch über ein Schnäppschen aus den Essener Klärwerken freuen würde?

 

Die erste Frage meiner besten Freundin, nachdem ich von der Berlinexkursion zurückgekommen bin, war: „Und, haste mir was mitgebracht?“ Meine Antwort war kurz und prägnant: „Öh.“

Darauf reagierte sie mit völligem Unverständnis und einem leicht schnippischen Unterton: „Bitte? Du kannst doch nicht nach Berlin fahren und mir nichts mitbringen?!“

Souvenirs sind ein echter Freundschaftsbeweis. Denn nur so macht man deutlich, dass man auch außerhalb der heimischen Stadt an die besagte Person gedacht hat. Wenn ihr mal eure beste Freundin /euren besten Freund auf die Probe stellen wollt, wartet ab, ob sie/er euch was von seinem Trip mitbringt. Falls nicht, hilft nur noch ein Besuch bei „Britt – der Talk um Eins“. Und wenn der Lügendetektortest dann auch noch einen dicken Schwindel aufdeckt, à la „Es gab einfach NICHTS!“ – Konsumgott bewahre. Lieber nicht drauf ankommen lassen.

 

Ein Andenken aus einer großen, deutschen Stadt. Was hätte ich kaufen sollen, das es nicht auch in Essen gibt? An Angeboten mangelte es jedenfalls tatsächlich nicht. An jeder Ecke gab es „Souvenirs zum Schnäppchenpreis“. Und wenn man es tatsächlich versäumt hat, etwas zu kaufen, schafft letztendlich das Internet Abhilfe. Einfach mal so tun, als wäre man da gewesen. Und seine Wohnung mit folgenden Juwelen schmücken:

 

Hier handelt es sich selbstverständlich nur um einen Bruchteil der mehr, aber eher weniger nützlichen Mitbringsel Berlins.

 

Geht man durch die Straßen der Hauptstadt, gibt es neben der Masse an extra angelegten Souvenir-Kiosken (!) eine absolute Reizüberflutung. Es gibt nichts, das es nicht gibt. Man kann sich sogar einen Berliner Pfannkuchen (s.o.) an seinen Schlüsselbund klemmen. Also denkt man beim Hinausgehen und Türeschließen nicht, ob man den Herd angelassen hat, sondern daran, dass man in Berlin war und die Berliner statt Berliner Pfannkuchen sagen und essen.

Für Modebewusste gibt es übermäßig bedruckte Shopper, Spaßvögel kaufen „Berliner Luft“, die klassisch Gesinnten kaufen dann Stifte mit Ampelmännchen oder Türschilder mit „Berlin“ oder „Checkpoint Charlie“- Aufdruck. Für jeden ist etwas dabei, denn sowas gibt es NUR in Berlin. So scheint es zumindest.

 

Die Flut an Mitbringseln – und gleichzeitig die Nutzlosigkeit mancher – bleibt auch großen Zeitungen wie der FAZ nicht verborgen:

 

„Erinnerung wird in Berlin an fast jeder Ecke verkauft: Souvenirs! Eine Armee von rot-grünen Ampelmännchen erwartet die etwa 8,2 Millionen Touristen, die nach Angaben des Amts für Statistik Berlin und Brandenburg jedes Jahr in die Hauptstadt kommen.[…] Laut einer Marktstudie der Technischen Universität Dresden, die vom „Bundesverband Souvenir Geschenke Ehrenpreise“ in Auftrag gegeben wurde, geben Touristen in Deutschland jährlich rund zwei Milliarden Euro für Mitbringsel aus, die sie an ihr Reiseziel erinnern sollen.“ 

 

Zwei Milliarden Euro! Würde man sich also das Kaufen von nutzlosen Mitbringseln sparen, könnte man die ganze Welt bereisen, und das nicht nur einmal. Und die Leute, denen man sonst einen Schlüsselanhänger kaufen würde, direkt mitnehmen. Das bleibt mit Sicherheit viel besser in Erinnerung.

 

Was außer Frage steht ist, dass Souvenirs häufig überteuert und hauptsächlich nutzlos sind. Erinnerungen an eine Reise kann man persönlich gestalten, durch Fotos, durch Tagebuch/Kalendereinträge, durch den Austausch mit Freunden/Kommilitonen. Irgendwelchen Schnickschnack zu kaufen, der letztendlich dann doch in einer der überfüllten Schublade landet, erinnert einen selber meist nur daran, dass man mal ausmisten müsste.

Und der besten Freundin kann man dann ja doch `ne Karte schreiben. Oder aber sie auf einen Kaffee einladen und ihr die Fotos zeigen und die dazugehörigen Geschichten erzählen.


 

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Kommentare: 1
  • #1

    u=12116 (Freitag, 03 Mai 2013 13:59)

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