Ein kurzer Besuch in einer vergangenen Zeit

von Verena Breuer


Taschen, Jacken und Fotoapparate sind nicht erlaubt. Bitte nichts anfassen und nicht die Teppiche betreten. „Aber herzlich willkommen in der Brecht-Weigel-Gedenkstätte!“, strahlt die dunkelhaarige Frau im Trägerkleid, als sie die Führung durch den letzten Wohnort von Bertolt Brecht und Helene Weigel beginnt. Viele Räume des Hauses sind in ihrem Originalzustand erhalten, als „Gedenkstätte“ sollen sie an die ehemaligen Bewohner erinnern. Obwohl man in unbewohnten Zimmern unbelebte Objekte betrachtet, den statischen Zustand eines Hauses, erfährt man hiervon viel über Brecht, seine zweite, aber nie einzige Frau Helene Weigel, ihre Beziehung, ihr gemeinsames Leben. Mehr wahrscheinlich als man ohne die so streng überwachte Führung wahrnähme.

 

Der Wohnraum ist in zwei Wohnungen aufgeteilt, damit sich das Paar aus dem Weg gehen konnte. Ein Zeichen, dass es sich nicht gerade um eine harmonische Traumbeziehung handelte. Überhaupt zog Brecht zunächst alleine ein und musste Weigel erst überreden, zu ihm zu ziehen. Was heute in WGs üblich ist, machten die beiden schon in den 1950er Jahren wahr: Jeder bewohnte sein eigenes Reich, dessen Privatsphäre vom anderen respektiert wurde, teilweise war Kontakt zwischen den beiden Partnern selten. Brecht war darauf bedacht, seine Frau nicht wieder zu „verjagen“, und ihre Kommunikation fand oft über Zettel statt, die sie dem anderen hinterlegten, um ihn nicht zu stören. So konnten Verabredungen getroffen werden, in einem der gemeinsamen Räume, wie der Küche oder dem Wohnzimmer.

 

Die Zweiteilung des Hauses stellt sich für die heutigen Brecht- bzw. Weigel-Interessierten als praktisch heraus: Jeder der Wohnbereiche spiegelt ganz individuell seinen Bewohner wider. Die Einrichtung Bertolt Brechts scheint vor allem praktisch. Neben Schreibtischen in mehreren Räumen fällt vor allem seine große Bibliothek mit etwa 4000 Bänden auf. Ein näherer Blick in die Regale lässt seine Leidenschaft für Mao, Marx und Engels erkennen. Doch nicht nur der Kommunismus interessierte ihn an China. Wandschmuck und Bilder in seinen Zimmern zeugen von einem allgemeinen Interesse am Fernen Osten.

 

Trotz dieser einzelnen dekorativen Gegenstände sind seine Zimmer eher karg eingerichtet – praktisch eben. Der Arbeitstisch mit Schreibmaschine steht am Fenster. Nicht nur die Sonneneinstrahlung bewog ihn dazu, diesen Platz zu wählen, es gibt einen fast mystischen Hintergrund: Der Blick fällt direkt auf den am Haus gelegenen Dorotheenstädtischen Friedhof, der unter anderen die Gräber Fichtes und Hegels beherbergt. Bertolt Brecht war damit zweien seiner Idole ganz nah, ließ sich von ihnen inspirieren und wünschte sich sein eigenes Grab dem von Fichte gegenüber.

 

Helene Weigel sparte nicht an Einrichtung, ihr Wohnbereich wirkt viel gemütlicher, häuslicher. Nach der langen Zeit im Exil in Skandinavien und den USA fährt sie hier endlich ihre „Saugnäpfe“ aus, wie die Gruppenführerin erklärt, die das Leben von damals mit ihren Worten ins unbewohnte Haus zurückholt. Viele Küchenutensilien, vor allem Krüge finden sich im ganzen Wohnbereich. Geschirr und Hilfsmittel, die sie brauchte, um ihre Gäste zu bekochen, wie eine Mutter. Die „Mutter“ war sie nicht nur in dem Stück von Brecht und für ihre Kinder, sondern auch für ihre Gäste. Das gemeinsame Speisezimmer im Erdgeschoss wurde nach Brechts Tod zu ihrem Schlafzimmer und ist als solches heute erhalten. Auf dem großen Bett in der Mitte des Raumes thronte die „Mutter“ wie eine Königin auf ihrem Kissen, am Fußende war noch Sitzplatz für ihre Angestellten.

 

In der Gedenkstätte ist auch der Tod präsent, und das nicht nur wegen des benachbarten Friedhofs. Beim Blick in Brechts Schlafzimmer, das nicht betreten werden darf, eröffnet sich nicht nur ein Eindruck dieses sehr persönlichen Raumes, sondern auch der Blick auf sein Sterbebett. Ein kleines Bett (ganz im Gegensatz zu dem von Helene Weigel), ein unscheinbares, in dem er am 14. August 1956 starb. Gleichzeitig fällt der Blick auf seinen Stock und Hut an der Tür, als ob er selbst nicht weit sein könnte.

 

Bertolt Brecht schwärmte oft von der Größe seines Hauses und der Zimmer. Auch ein Wohnzimmer mit Veranda fehlte nicht und kann heute besichtigt werden. Den mit Sofas ausgestatteten Raum mit Blick auf den kleinen Garten nutzte Helene Weigel, um ihre Gäste zu empfangen. Auch wenn das Hinsetzen heute verboten ist, kann man sich die gemütliche Runde gut vorstellen. „Achtung, die Stufe!“, unterbricht eine besorgte Gruppenteilnehmerin die Ausführungen der Expertin, holt die Zuhörer abrupt zurück in die Gegenwart. Die Frau lächelt, sie bewege sich sicher in diesem Haus und falle nicht rückwärts die Stufe in den Flur hinunter.

 

Trotz der teilweise original Einrichtung und scheinbar unveränderten Zimmer ist einem ständig klar, dass es sich um einen Wohnort vergangener Zeiten handelt. Die Möbel, die Einrichtungsgegenstände wirken alt, antiquiert. Seltsam, zu erfahren, dass sie das auch „damals“ schon waren, denn das Paar Brecht-Weigel hatte eine Vorliebe für alte Möbel. Mit diesem Wissen wirkt der erste Eindruck der Wohnung verfälscht.

 

Das Wohnhaus als Gedenkstätte hält die Erinnerung an die Menschen Bertolt Brecht und Helene Weigel, an ihr Leben in den 1950er Jahren lebendig. Doch mit Verlassen der Gedenkstätte findet man sich schnell in der Gegenwart wieder. Keine Fotos, keine Skizzen oder ähnliches bleiben zurück, nur die flüchtige Erinnerung, die bald verblasst.