Was bleibt

von Sarah Bloch

 

Täglich fahren Busse voller Touristen vorbei, voller Schulklassen, Seminargruppen und Einzelpersonen. Ob in der Touristenlinie 100 nur im Vorbeifahren, als kurzer Zwischenstopp zwischen Brandenburger Tor und Potsdamer Platz oder um das obligatorische Foto zu schießen – es gehört mittlerweile zum touristischen Programm der Hauptstadt: das Denkmal für die ermordeten Juden Europas.

 

Ist das angesichts von sechs Millionen ermordeter Juden und Millionen anderer Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft angemessen? Sicher nicht. Aber was wäre schon angemessen? Sechs Millionen Opfer, da verblasst jedes Gebäude, jedes Denkmal, jeder Versuch. Das Bild des Stelenfelds unter den anderen Urlaubsfotos kann vielmehr Zeichen für eine verheilende Wunde sein. An der Ausgelassenheit der jugendlichen Besucher lässt sich ihre Ansicht ablesen: „Wir sind hier und wir erinnern uns, aber wir sind nicht Schuld.“ Ist das Mahnmal also zu einer Attraktion wie die Gedächtniskirche oder die Weltzeituhr am Alexanderplatz geworden? Und widerspricht dieses Verhalten dann der immer wieder bemühten Doktrin vom „Nicht-vergessen-dürfen“?

 

Es ist ruhig geworden ums Holocaust-Mahnmal. Seit der feierlichen Eröffnung am 10. Mai 2005 haben sich die Wogen geglättet. Und das, obwohl Peter Eisenmanns Stelenfeld Anlass für so manche Debatte und Auseinandersetzung in der deutschen Öffentlichkeit war. Der Schriftsteller Martin Walser etwa bezeichnete den Entwurf 1998 in seiner berühmt-berüchtigten Rede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels als „Monumentalisierung der Schande“ und befürchtete, dass das Zentrum der Hauptstadt mit einem „fußballfeldgroßen Alptraum“ zubetoniert werden würde.[i] Noch deutlicher wurde Spiegel-Gründer Rudolf Augstein als er den Entwurf nicht nur als „Schandmal“ titulierte, sondern die Befürchtung äußerte, dass mit der Realisierung des Entwurfs Antisemiten geschaffen würden, wo sonst keine wären.[ii]

 

Aber neben den Einwänden der Gegner – ob nun Augsteins Zitat, das mehr als nur antisemitisch angehaucht war, oder ernster zu nehmende Befürchtungen, wie die einer Hierarchisierung der Opfergruppen durch den Bau unterschiedlicher Mahnmale[iii] – boten auch die Befürworter des Denkmals Zündstoff für Diskussionen. Die Vorsitzende des Förderkreises Denkmal für die ermordeten Juden Europas e. V. und Initiatorin des Mahnmals, Lea Rosh, fiel in der Öffentlichkeit nicht nur durch ihr großes Engagement für den Bau des Mahnmals und das ihr daraufhin verliehene Bundesverdienstkreuz auf. Der deutsche Publizist Jörg Lau nahm kein Blatt vor den Mund und bescheinigte ihr aufgrund so mancher Provokation und wegen ihres eigenmächtigen Handelns Geschmacklosigkeit und einen Drang zur Selbstdarstellung.[iv] Im Mai 2003 wurde diese Einschätzung von anderer Stelle bestätigt: Das Berliner Stadtmagazin Tip verlieh ihr den Titel „peinlichste Berlinerin“.[v]

 

Von zahlreichen anderen Debatten und Skandälchen bleibt bis heute vor allem die Verwicklung der Degussa AG und ein damit einhergehender dreiwöchiger Baustopp in Erinnerung. Als festgestellt wurde, dass eine Chemikalie, die die Stelen vor antisemitischen Schmierereien und Graffiti schützen sollte, von einer Firma, die indirekt an der Produktion des Giftgases Zyklon B beteiligt war, geliefert wurde, kannte die Empörung zunächst kaum Grenzen. Die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit deutscher Wirtschaftsunternehmen wurde plötzlich wieder in Frage gestellt. Angesichts der von vielen als vorbildlich bezeichneten Vergangenheitsaufarbeitung der Degussa AG und auch weil bereits ein Betonverflüssiger der gleichen Firma benutzt worden war, entschloss man sich jedoch die Zusammenarbeit fortzusetzen.

 

Nicht alle Debatten um das Mahnmal waren dienlich und nötig. So mancher Angriff wurde aus persönlicher Eitelkeit geführt, der ein oder andere Beitrag schoss vielleicht über das Ziel hinaus. Aber ihre Gesamtheit machte es nötig, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Nachdem in den 1960er Jahren der Muff unter den Talaren beseitigt worden war, nachdem die Fernsehsendung Holocaust 1978 die Deutschen erschüttert hatte[vi], erreichte die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit nicht nur, aber auch wegen der Mahnmalpläne eine neue Stufe. Angestoßen durch die sogenannte Walser-Bubis-Debatte und begleitet durch die Planung, den Entwurf und den Bau des Denkmals für die ermordeten Juden Europas wurde die herkömmliche Erinnerungskultur wieder in Frage gestellt.

 

Und heute? Oberflächliche Empörung, wenn ein Butterbrot am Mahnmal ausgepackt wird, wenn Erinnerungsfotos mit lachenden Gesichtern geschossen werden? Vielleicht. Sollten das aber die kontroversesten Fragen sein, die das Mahnmal betreffen, dann scheint es ein anderes Problem zu geben. Von den jährlich etwa 450.000 Besuchern gehen die meisten nur am Rand des Stelenfeldes entlang.[vii] Nicht mehr als eine Handvoll wandelt allein durch die engen Gassen und versucht der Verlorenheit hinterherzuspüren, wie es sich Architekt Peter Eisenmann vorgestellt hatte. Die meisten wissen nicht einmal, dass es unter dem Mahnmal noch einen Ort der Information gibt.

 

Hat das Mahnmal seinen Teil für die Aufarbeitung der Erinnerung durch die Debatten, die rund um seine Errichtung geführt wurden, geleistet? Eine öffentliche Auseinandersetzung findet kaum noch statt. Kurzzeitige und zweifellos gerechtfertigte Aufregung, wenn Stelen, wie zum Beispiel im August 2008 geschehen, mit Hakenkreuzen beschmiert werden.[viii] Danach aber wieder Ruhe. Das Geschehnis, das das Mahnmal erst nötig machte, bleibt unbeschreiblich. Die Auseinandersetzung um den Bau – mit Herzblut, teilweise mit Aggression geführt – bewegte. Die Wirkung in der Gegenwart hingegen, verschwindend gering.

 

Aber vielleicht ist das der Lauf der Dinge – 66 Jahre danach.



[i] Walser, Martin: Die Banalität des Guten. Erfahrungen beim Verfassen einer Sonntagsrede aus Anlaß der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels. In: FAZ. Nr. 236. 12.10.1998. S. 15.

[ii] Vgl. Augstein, Rudolf: „Wir sind alle verletzbar“. In: Der Spiegel. 30.11.1998. Ohne Seite.

[iii] Vgl. Kosselleck, Reinhart: Wer darf vergessen werden? Das Holocaust-Mahnmal hierarchisiert die Opfer. Die falsche Ungeduld. In: Die Zeit. Nr. 13/ 1998. S. 54.

[iv] Vgl. Lau, Jörg: Scharfe Richterin. In: Die Zeit. Nr. 46. 06.11.2003.

[v] Vgl. Schmitz, Thorsten: Der Betonkopf. In: Süddeutsche Zeitung Magazin. Heft 17/ 2005. S. 16f.

[vi] Vgl. Frank Bösch: Film, NS-Vergangenheit und Geschichtswissenschaft. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte . Nr. 54/ 2007. S. 2.

[vii] Vgl. http://www.stiftung-denkmal.de/aktuelles/besucherzahlen. Letzter Zugriff am 08.03.2011..

[viii] Vgl. Ohne Autor: Holocaust-Mahnmal mit Hakenkreuzen beschmiert. In: Berliner Morgenpost. 23.08.2008. S. 2.

 

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