Berlin: Die Geschichte einer Stadt in Straßenschildern

von Cathrin Bengesser

 

Auf einem Straßenschild steht mehr als nur der Name eines Ortes. Was Straßenschilder über die Geschichte ihrer Stadt erzählen können, zeigen die Berliner Straßen. Unter dem Einfluss von Politik und Gesellschaft haben viele von Ihnen im 20. Jahrhundert drei Mal ihren Namen gewechselt.

 

Straßenschilder bezeichnen Orte und weisen Richtungen.

Straßenschilder sind bezeichnend und richtungsweisend.

Wer sie bezeichnet, weist die Richtung.

 

Eine Straßenkarte kann mehr über die Geschichte einer Stadt erzählen als so manches Geschichtsbuch – wenn man sie richtig liest. Im Falle Berlins sind dabei nicht die durch Neubebauung und Verbindungsstraßen langsam verheilenden Narben entlang der gefallenen Mauer gemeint. Es sind die Namen der Straßen, die die Geschichte Berlins erzählen. Wer die Geschichte der Stadt im 20. Jahrhundert bestimmt hat, hat auch die Namen ihrer Straßen bestimmt. Dabei ändert sich viel mehr als nur die Buchstaben auf einem Schild. Ein anderer Name auf dem Straßenschild bedeutet, dass die Straße zu einem anderen Ort wird und deutet in die neue Richtung, in die Politik und Gesellschaft an diesem Ort gehen. Dreimal ist die Geschichte von Berlin im 20. Jahrhundert umgeschrieben worden und mit ihr die Straßenkarten.

 

 

Berlin ohne Juden

 

Zwischen 1933 und 1945 tilgten Nationalsozialisten das jüdische Leben und damit die jüdischen Lebensgeschichten aus der Geschichte Berlins. Mit den jüdischen Bewohnern verschwanden auch ihre Namen aus den Straßen der Stadt. Noch Anfang 1933 lebten in Berlin-Schöneberg 16.000 Juden Seite an Seite mit 220.000 Christen. Eine der schönsten Straßen im Bayerischen Viertel in Schöneberg, das man damals auch „jüdische Schweiz“ nannte, wurde 1906 nach seinem Begründer, dem jüdischen Bauunternehmer Salomon Haberland (1836-1914), benannt. Sein Sohn Georg baute nach dem ersten Weltkrieg unter anderem die Berliner Warenhäuser Tietz und Karstadt sowie das Verlagshaus für Ullstein.

In das Haus der Enkel Salomon Haberlands, die Haberlandstraße 5, zog 1918 Albert Einstein ein, der zu dieser Zeit an der Preußischen Akademie der Wissenschaften in Berlin lehrte. Ende März 1933 legte er sein Amt dort nieder und emigrierte in die USA. Einsteins Nachbar, der Journalist und Schriftsteller Artur Landsberger, nahm sich im Oktober desselben Jahres, einen Tag bevor Juden per Gesetz vom deutschen Literatur- und Pressebetrieb ausgeschlossen wurden, das Leben. Sein noch heute bekannter Roman Berlin ohne Juden von 1925 liest sich wie eine erschreckend genaue Prophetie. Mehr als die Hälfte der Schöneberger Juden taten es Einstein und Landsberger gleich und entzogen sich den Deportationen durch Flucht oder Suizid.

1938 übertünchten die Nationalsozialisten das Andenken an Salomon Haberland, indem sie die Haberlandstraße nach zwei beschaulichen bayrischen Kleinstädten in Treuchtlinger und Nördlinger Straße umbenannten. Die letzte Erinnerung an die Haberlands in Berlin starb mit Salomons Enkel Kurt, der am 15. Juli 1942, von seiner Ehefrau denunziert, im Konzentrationslager Mauthausen hingerichtet wurde. Insgesamt deportierten die Nationalsozialisten zwischen 1941 und Kriegsende über 6.000 Juden aus Schöneberg.

„Die in Deutschland herrschenden Zustände veranlassen mich, meine Stellung

bei der Preußischen Akademie der Wissenschaften hiermit niederzulegen.“

Albert Einstein, 1933

Parallel zur Auslöschung jeglichen Andenkens an jüdische Traditionen in Berlin setzten die Nationalsozialisten nach 1933 ihren Helden Denkmäler in die Straßen der Stadt und verbreiteten so ihre Ideologie. Einen ihrer stärksten Mythen konstruierte Joseph Goebbels um den SA-Mann Horst Wessel. Mit seinem „SA-Sturm V“ lieferte sich der junge Wessel Ende der 20er Jahre blutige Straßenkämpfe mit den Kommunisten in Berlin-Friedrichshain. Bei Goebbels und der NSDAP machte er sich 1929 als Dichter des SA-Kampfliedes „Die Fahne hoch!“ beliebt. Nachdem Wessel im Januar 1930 in seiner Wohnung angeschossen wurde, berichtete Goebbels – damals Reichspropagandaleiter – der NSDAP in seinem Blatt Der Angriff regelmäßig vom Krankenbett dieses „heldenhaften Jünglings“.

Sofort nach seinem Tod im Alter von 22 Jahren, am 23. Februar 1930, begann die NSDAP Horst Wessel zu ihrem Märtyrer zu stilisieren. Das Horst-Wessel-Lied wurde nach der Machtergreifung zur offiziellen Parteihymne, die begleitet vom Hitlergruß stets nach der ersten Strophe des Deutschlandliedes abzusingen war. Zum „Horst-Wessel-Gedenktag“ drei Jahre nach seinem Tod, marschierte die gesamte Berliner SA auf dem Bülowplatz auf; direkt vor der KPD-Zentrale im Karl-Liebknecht-Haus, das sie einen Tag später besetzten und am 1. März schlossen. Das Liebknecht-Haus hieß fortan Horst-Wessel-Haus, der Bülowplatz Horst-Wessel-Platz und der Bezirk Friedrichshain wurde zur Horst-Wessel-Stadt.

„Die Mörder? Sie müssen zu Brei und Brühe geschlagen werden!“

Joseph Goebbels, 1930

 

DDR: Neue Namen hinter der Mauer

 

Dass der Horst-Wessel-Platz, der nach Kriegsende im sowjetischen Sektor Berlins lag, 1945 umgehend in Liebknecht-Platz – später Luxemburg-Platz und ab 1969 in Rosa-Luxemburg-Platz – umbenannt wurde, läutet den zweiten Umbruch in Berlins Geschichte und den Straßenkarten der Stadt ein. Wo früher die Namen der Nazi-Ikonen die Richtung wiesen, waren es jetzt die Helden des Kommunismus. 1950 ehrte die frisch gegründete Deutsche Demokratische Republik in ihrer verfassungsmäßigen Hauptstadt Berlin – faktisch Ost Berlin – anlässlich seines 80. Geburtstages, ihren Vordenker des Sozialismus Wladimir Iljitsch Lenin, indem sie die Landberger Allee in Lenin-Alle umbenannte. Das sozialistische Stadtbild von Berlin-Mitte rundeten ein Marx-Engels-Platz, eine Clara-Zetkin-Straße (beide ab 1951) oder eine Karl-Marx-Allee – bis 1961 Stalin-Allee – ab.

Aber auch die eigenen „Helden“ des Sozialismus verewigte die DDR-Regierung in ihrer Hauptstadt. Nahezu jedes verstorbene Mitglied des SED Zentralkomitees bekam seine eigene Straße in Ost Berlin. So auch der „Vater der Nationalen Volksarmee“ Heinz Hoffmann. Der ehemalige Oberleutnant der Roten Armee wurde 1952 ZK-Mitglied, im selben Jahr Chef der kasernierten Volkspolizei und stellvertretender Innenminister der DDR. Acht Jahre später stieg er zum Minister für Nationale Verteidigung auf. Als 1961 die unter Organisation des damaligen ZK-Sicherheitssekretärs Erich Honecker gebaute Mauer durch Berlin stand, war es Hoffmann, der den heute als „Schießbefehl“ bekannten Ruf Honeckers nach dem Einsatz von Schusswaffen zur Sicherung der Westgrenze als Anordnung an die DDR Grenzposten weiter gab.

1986 widmete die DDR ihrem ein Jahr zuvor verstorbenen Verteidigungsminister die Heinz-Hoffman-Straße in Berlin-Hellersdorf. Die Zahl der zwischen 1961 und 1989 an der Deutsch-Deutschen-Grenze zu Tode gekommenen Menschen wird auf 200 geschätzt. Allein 72 dieser Vorfälle sollen sich an der Berliner Mauer ereignet haben.

„Wer unsere Grenze nicht respektiert, der bekommt die Kugel zu spüren!“

Heinz Hoffmann, 1966

 

Wiedervereinigung: Die Umbenennungswelle rollt über Berlin

 

Der dritte Umbruch für Berlin kam mit dem Fall eben dieser Mauer 1989. Osten und Westen der Stadt konnten auf den Karten und in den Köpfen wieder eins werden. Gleichzeitig befand sich Berlin 1991 auf dem Weg, Hauptstadt der wiedervereinigten Bundesrepublik Deutschland zu werden.  Die Richtung der deutschen Politik, und damit auch die Berlins, waren klar: weg von den Diktaturen der Vergangenheit und hin zu einem friedlichen, demokratischen Deutschland. Auch die Straßenschilder sollten in diese Richtung weisen. Dazu wurde 1991 das Berliner Straßengesetz von 1985/88, das bereits die Umbenennung von Straßen aus der Zeit des Nationalsozialismus forderte, erweitert. Neue Namen sollen den Straßen Berlins seitdem gegeben werden, „um aus der Zeit von 1945 bis 1989 stammende Straßennamen nach aktiven Gegnern der Demokratie und zugleich geistig-politischen Wegbereitern und Verfechtern der stalinistischen Gewaltherrschaft, des DDR-Regimes und anderer kommunistischer Unrechtsregimes zu beseitigen.“ Gleiches gilt für Straßen, die in diesem Zeitraum aus politischen Gründen umbenannt wurden.

Die der Wende folgende Umbenennungswelle rollte besonders über den Osten der Stadt: Die Heinz-Hoffmann-Straße legte man im Februar 1992 mit ihrem alten Teilstück der Grottkauer Straße zusammen und widmete auch sie als Neue Grottkauer Straße der polnischen Ortschaft Groków. Die Lenin-Allee hieß wieder, nach dem brandenburgischen Ort Alt-Landsberg, Landsberger Allee. Der Lenin-Platz aber wurde nicht wieder zum Landsberger Platz, sondern war ab März 1992 der Platz der Vereinten Nationen. So zeigten die Berliner die Orientierung der neuen Bundesrepublik hin zur Weltgemeinschaft.

Auch die nationalsozialistischen Spuren auf den Straßenkarten Berlins ging man erneut an. Nur wenige Monate bevor die wahrscheinlich letzte Familienangehörige, die Salomon Haberland noch persönlich kannte, starb, wurde die Rückbenennung der Nördlinger Straße in Haberlandstraße beschlossen. Sie trat im September 1996, nur gegen den Widerstand des damaligen Nördlinger Oberbürgermeisters, in Kraft. So leicht und vor allem vollständig ließ sich die braune Tünche aber noch nicht von allen Straßenschildern Berlins entfernen. Im „Fliegerviertel“ in Tempelhof, wo 1936 zum „Tag der deutschen Luftwaffe“ Straßen nach Fliegerhelden des Ersten Weltkrieges, wie Freiherr von Richthofen, benannt wurden, tragen viele Straßen immer noch ihre Namen aus der Nazi-Zeit. Auch im Musikerviertel in Berlin-Mahlsdorf stehen die jüdischen Komponisten Jacques Offenbach und Giacomo Mayerbeer noch immer nicht wieder auf ihren angestammten Straßenschildern. Die Anwohner stellen sich seit über zehn Jahren einer Rückbenennung entgegen.

Eine Tafel in der heutigen Haberlandstraße weist auf die Umbenennung in Treuchtlinger und Nördlinger Straße durch die Nationalsozialisten hin.

Sie ist Teil des Denkmalprojekts „Orte des Erinnerns“ von Renata Stih und Frieder Schnock. 1993 brachten die Berliner Künstler 80 Schilder im Bayerischen Viertel an, die antisemitische Verordnungen oder Äußerungen zitieren, um auf die Verfolgung der Juden vor Ort aufmerksam zu machen.

1996 wurde die Nördlinger Straße in Haberlandstraße rückbenannt. Die Treuchtlinger Straße trägt immer noch ihren Namen von 1938.

 

Foto: Manfred Brückels / cc-Lizenz

 

Aus Rosa einen Ronald machen?

 

Die Diskussionen um Straßenumbenennungen in Berlin zeigen noch heute an, aus welcher Richtung der politische und gesellschaftliche Wind weht. Aktueller Fall ist der Rosa-Luxemburg-Platz, an dem heute – wieder im Liebknecht-Haus – die Parteizentrale der Partei „Die Linke“ sitzt. In der Nacht zum 12. Februar 2011 benannten Unbekannte den Platz und die Rosa-Luxemburg-Straße durch Klebeschilder zur Ronald-Reagan-Straße um. Zuvor appellierte CSU-Politiker Karl-Theodor zu Guttenberg anlässlich des 100. Geburtstags des 2004 verstorbenen ehemaligen US-Präsidenten an den Berliner Senat, Reagan entsprechend zu würdigen. Wird nun der Mann, der 1987 vor dem Brandenburger Tor den sowjetischen Kommunismus mit den Worten „Mr. Gorbachev, tear down this wall!“ herausforderte an die Stelle der Kommunistin Rosa-Luxemburg treten, die davor über den Nationalsozialisten Horst Wessel triumphierte? Die Zukunft wird zeigen, an welchen Teil ihrer Geschichte sich die Stadt Berlin erinnern will. Die Straßenkarten der Stadt sind auch im 21. Jahrhundert nicht in Stein gemeißelt. Sie werden Chronisten der Berliner Geschichte bleiben.

 

Quellen

Baird, Jay W.:

„Goebbels, Horst Wessel and the Myth of Resurrection and Return.“ Journal of Contemporary History, Bd. 17 (Okt. 1982): S. 633-650.

Brückel, Manfred:

Fotografie: „Bayerisches Viertel Erinnern Haberlandstr Text. (03.04.11).

Eltzel, Birgitt:

Debatte um Straßennamen aus der NS-Zeit.“ Berliner Zeitung (16.02.2006). (17.03.11).

Kellerhoff, Sven Felix:

„‚Wer die Grenze nicht respektiert, bekommt die Kugel.‘Berliner Morgenpost Online (29.05.2008). (17.03.11)

Kunstamt Schöneberg, Schöneberg Museum und Gedenkstätte Haus der Wannseekonferenz (Hg.):

Orte des Erinnerns. Jüdisches Alltagsleben im Bayerischen Viertel. Reihe Deutsche Vergangenheit, Bd. 119. Berlin 1995.

 

Luisenstädtischer Bildungsverein e.V.:

Berliner Straßenlexikon. (März 2011).

Mayer, Herbert und Hans-Jürgen Mende (Hg.):

Umbenennungen. Die neuen Straßennamen seit dem Fall der Mauer. Berlin 1993.

 

Mayer, Herbert:

Im Dschungel der Straßennamen.Berlinische Monatsschrift, Nr. 2 (1998): S. 29-35. (18.03.11).

N.N.:

„Horst Wessel – Idealist oder Zuhälter?“ Der Spiegel, Nr. 43 (20.10.1980): S. 90-99.

- - -

Luxemburg-Platz wurde Ronald-Reagan-Straße.Berliner Morgenpost Online (13.02.2011). (17.03.11).

- - -

Nördlingen will in Berlin bleiben.Berliner Zeitung (21.04.2005). (07.03.11).

- - -

„Heinz Hoffmann.“ Internationales Biografisches Archiv, Nr. 8 (1986): Elektronische Quelle über Munzinger.

- - -

„Horst-Wessel-Lied.“ Wolfgang Benz (Hg.):  Enzyklopädie des Nationalsozialismus. Berlin, 2000: Elektronische Quelle.

Nowak, Peter:

In Berlin ist es nicht selbstverständlich, Straßen auch nach Juden zu benennen.Allgemeine Jüdische Wochenzeitung, Nr. 21 (12.10.2000). (17.03.11).

Kommentar schreiben

Kommentare: 0