Ode an einen Berliner

von Laura Bastian & Hannah Mitzkeit

 

Der Koffer ist gepackt. Euphorisch schließe ich die Wohnungstür und laufe zur Bahn. Endlich ist es soweit. Bald kann ich dich in meine Arme schließen. Das letzte Mal als wir uns begegneten, ist schon so lange her und ich schwelge in Erinnerungen. Oh deine Rundungen – sie machen mich verrückt nach mehr. Ich denke an die Zeit zurück, an der wir Tag für Tag zusammen im Café saßen. Dann habe ich die Welt um mich herum völlig vergessen und konnte mich nur auf dich konzentrieren. Jetzt renne ich die Treppen zum Bahngleis hoch, meinen schweren Koffer zerre ich hinter mir her. Ich sehe den Zug, die Türen schließen sich und… oh nein, der Zug fährt ohne mich. Werde ich dich jemals wiedersehen? Ich erwische den nächsten Zug - welch glückliche Fügung. Bald bin ich bei dir. Ich zähle die Stunden, es kommt mir vor wie eine Ewigkeit. Um mich abzulenken, höre ich ein wenig Musik. Aus meinem MP3-Player klingt: „Das macht die Berliner Luft… mit ihrem holden Duft …“ Und wieder denke ich nur an dich. Wie du riechst, wie du schmeckst, wie du dich anfühlst. Es ist, als ob wir füreinander geschaffen wären. „Nächster Halt: Berlin Ostbahnhof“. Endlich. Meine Aufregung steigt ins Unermessliche, mein Herz schlägt schneller und schneller. Und dann stehe ich plötzlich in diesem riesigen Bahnhof und halte Ausschau nach dir. Ich hatte gehofft, dass du mich in Empfang nimmst. Ich suche hektisch nach dir, aber ich kann dich nirgends entdecken. Wo bist du? Hast du mich vergessen? Die Menschenmenge um mich herum verdichtet sich, mit letzter Kraft kämpfe ich mich voran. Du musst doch hier irgendwo sein! Ich mache mich auf die Suche, immer weiter, durch enge Gassen und überfüllte Fußgängerzonen, bis ich das Brandenburger Tor erreiche. Doch auch da bist du nicht. Du bist auch nicht am Hotel Adlon oder am Holocaust-Denkmal mit seinen schiefen Steinen. Du bist nicht am Alex, nicht an der Weltzeituhr. Nicht im jüdischen Museum und auch nicht an der Weidendammer Brücke. Ich bekomme langsam das Gefühl, dass ich einer Erinnerung hinterher renne. Immer hektischer wird meine Suche und immer größer das Verlangen nach dir. Meine Hand schmerzt wegen des schweren Koffers. Doch das ist nichts gegen die innere Zerrissenheit, die mich überfällt. Eine Ohmacht überkommt mich.

Ich erinnere mich an unsere erste Begegnung. Es war ein lauer Sommertag in Kreuzberg. Ich schlenderte durch die Straßen, der Trubel um mich herum wurde völlig unwichtig als ich dich zum ersten Mal sah. Du sahst so süß aus hinter der Glasscheibe der Bäckerei. Die anderen Gäste beobachteten uns, aber das war mir egal. Ich konnte meine Blicke nicht von dir wenden und fühlte mich so nah und gleichzeitig doch so fern. Es kam mir so vor, als wärst du unerreichbar. In den darauf folgenden Tagen konnte ich an nicht anderes mehr denken. Alles andere schien so unwichtig. Ich fragte mich, woher du kommst und merkte schnell, dass mir die Antwort letztendlich gleich war. Ob aus Ägypten, aus Rom, aus Wien oder Berlin – Hauptsache, du bleibst bei mir. Ich konnte nicht essen, nicht schlafen und wenn ich doch einmal zur Ruhe kam, träumte ich pausenlos nur von dir. Dein zuckersüßes Äußeres hatte mich total verzaubert, doch ich konnte mir kein Herz fassen, war einfach zu schüchtern, um das in die Tat umzusetzen, was ich nur in meinen wildesten Träumen wagte. Rastlos irrte ich durch die Straßen. Auf einmal ertappte ich mich dabei, wie ich wieder durch die Glasscheibe der Bäckerei starrte. Mein größter Wunsch war es, dich mitzunehmen, dir meine Welt zu zeigen. Du hattest nichts dagegen, mit mir mitzukommen und so verließen wir die Bäckerei gemeinsam. Dies war der glücklichste Moment meines Lebens. Endlich hatte das Warten ein Ende!

Ein verwirrter Mann tippt mir auf die Schulter und fragt, ob ich noch ein Bahnticket übrig hätte. Er reißt mich aus meinen Gedanken. Ich verneine und will ihn nach dir fragen, aber er hat sich umgedreht. Also gehe ich mit hängendem Kopf und müdem Blick durch die Straßen Berlins in der Hoffnung, dass du doch noch hinter irgendeiner Ecke lauerst. Auf der Suche nach einer Schlafgelegenheit werde ich plötzlich auf ein grün leuchtendes Schild aufmerksam. Ich werde diesen Tag schnellstmöglich beenden und checke im Hostel ein – morgen, ja morgen, werde ich dich finden!

Am nächsten Tag entscheide ich mich, in das Pergamon-Museum zu gehen, um einen klaren Kopf zu bekommen. Doch auch hier kann ich nicht davon ablassen, an dich zu denken. Der Kampf der Titanen kommt mir vor wie mein eigener Kampf auf der Suche nach dir. Später laufe ich nichts ahnend die Schönhauser Allee entlang, da überfällt es mich: Plötzlich erkenne ich deinen Geruch, deinen verführerischen Duft. Ich fühle mich wie von einer fremden Macht getrieben, du bist ganz nah. Ich folge der Spur und biege in eine Seitenstraße. Die Umgebung kommt mir auf einmal sehr vertraut vor. Ich stehe vor dem Café mit dem wohlklingenden Namen „An einem Sonntag im August“ in der Kastanienallee und schon überkommt mich die Erinnerung an unsere gemeinsamen Stunden. Das Café war unser Treffpunkt, unsere Insel des Glücks, hier konnte ich die Zeit vergessen. Ich konnte dir kaum widerstehen, hatte es schon so oft versucht. Ich liebte es, an dir zu knabbern und deine goldgelb gebräunte Haut an meine Lippen zu führen.

Jetzt betrete ich also das Café. Das Gefühl überkommt mich, dass mich die anderen Gäste anstarren, als würden sie mich hinter meinem Rücken auslachen – so als spürten sie mein gieriges Verlangen. Ich schäme mich. Da sehe ich dich endlich wieder. Und alles ist schlagartig vergessen. Du bist perfekt. Du bist die süße Versuchung.


Meine süße Versuchung.

 

Mein Berliner.


 

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